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Kosova, eine Region, die zur Zeit die Schlagzeilen unserer Medien füllt, stellt die ganze internationale Gemeinschaft und ihre Organe, UNO, NATO und OSZE, vor fast unlösbare Probleme. Nochmals, am Ende dieses Jahrtausends, will arroganter Nationalismus und brutaler Rassenkampf in Europa eine ganze Ethnie auslöschen. Frauen und Männer, Kinder und Greise werden bedroht und verfolgt, in die Flucht getrieben oder sogar massakriert. Folter ist an der Tagesordnung. Während unterdrückte Minderheiten anderswo längst den Guerillakrieg zur Selbstverteidigung gewählt hatten, vertrauten die Kosova-Albaner jahrelang Ibrahim Rugovas Politik des gewaltlosen Protestes und Durchhaltens. Ihre freien Meinungsäusserungen wurden mit Folterungen und Gefängnis bezahlt. Ihr Unterricht in der Muttersprache musste in Wäldern, Kellern und Verstecken erteilt werden, finanziert durch Spenden von Kosova-Albanern, die vor allem in Deutschland und der Schweiz als Gastarbeiter tätig waren. Selbst das Gesundheitswesen unterschied diskriminierend zwischen serbischen und albanischen Ärzten und Patienten. Die internationale Gemeinschaft wusste um die unhaltbaren Zustände und die vielen Menschenrechtsverletzungen, aber niemand konnte Milosevic zur Einsicht bringen und der Unterdrückung Einhalt gebieten. So schwanden Vertrauen und Hoffnung auf eine politische Lösung immer mehr, und es begann das, was noch nie jemandem Gewinn, sondern allen nur Zerstörung und Elend gebracht hat: ein bewaffneter Kampf. Dieser Kampf bringt Westeuropa, vor allem Italien, Deutschland und der Schweiz, Tausende von albanischen Flüchtlingen. Wir alle werden von dem Schicksal dieses verfolgten Volkes betroffen und müssen uns damit auseinandersetzen. Seine Geschichte ist wohl wenigen Europäern bekannt. Sie wird von Serben anders geschrieben als von Albanern. Wer hat Recht? Trotz vorhandenen Zeitdokumenten ist jede Geschichtsschreibung auch subjektiv gefärbt. Es ist nicht unsere Aufgabe, Richter zu spielen, sondern die Stimme jedes Volkes ernst zu nehmen. Nur so wird es uns auch möglich, die ungelösten Probleme zwischen verfeindeten Völkern zu verstehen und uns selber ein sachliches Urteil zu bilden. Die "Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter", die ACAT-Schweiz, hat seit Jahren mit Anteilnahme und Besorgnis die politischen Verfolgungen und die Folterpraxis in Polizeilokalen und Gefängnissen in Kosova verfolgt. Der Autor dieser Schrift, Shefqet Cakiqi, hat sich als schwer traumatisiertest Folteropfer an ACAT-Schweiz gewandt. Nachdem er in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden war und dadurch auch Zugang zur Behandlung im Therapiezentrum des Schweizerischen Roten Kreuzes in Bern erhielt, hat er sich die Aufgabe gestellt, die Geschichte seines Volkes und seine Erlebnisse in jugoslawischen Gefängnissen zu schildern. Möge sein Bericht uns, die wir von solchen Schicksalen verschont bleiben dürfen, Augen und Herzen öffnen für sein verfolgtes und vertriebenes Volk. Bern, im Januar 1999 Susanne Zbären-Lüthi ACAT-Schweiz

Einleitung

Die Leidensgeschichte eines Volkes

Die Albaner im ehemaligen Jugoslawien, deren Zahl gemäss Schätzungen von 1991 ungefähr 3 Millionen beträgt, leben auf einem Territorium, das direkt an Albanien grenzt. Ausserhalb von Kosova leben heute innerhalb Restjugoslawiens noch Albaner im Süden von Montenegro und in drei Kreisen Südserbiens. Auch Mazedoniens Bevölkerung zählt gegen 40 % Albaner. Die Albaner - direkte Nachkommen der Illyrer - wohnen seit dem Altertum in diesem Gebiet. Sie stellen in ihm die autochthone Bevölkerung dar. Aufgrund von Invasionen und normalen Wanderungen haben sich in diesem Gebiet während des Mittelalters und in der Zeit der Türkenherrschaft slawische, türkische und Roma-Minderheiten angesiedelt. Durch verschiedene Wanderungsbewegungen - einschließlich spätere Kolonisation - wuchs die slawische Bevölkerung spürbar an. Gegenwärtig beträgt sie ungefähr 10% der Gesamtbevölkerung dieses Gebietes. Die Kosova-Albaner, die fast die Hälfte der albanischen Gesamtbevölkerung auf dem Balkan ausmachen, blicken hier zurück auf eine über 2000-jährige Geschichte und Kultur, geprägt von Befreiungskämpfen und vielfältigen Beziehungen zu den Nachbarvölkern. Es war die in dieser Zone gelegene Stadt Prizren, die im 19. Jahrhundert zum Mittelpunkt der albanischen nationalen Bewegung für die Befreiung aus dem Osmanischen Reich wurde, einer Bewegung mit deutlich westlicher, europäischer Orientierung. Ihr Motto war: "Der Glaube des Albaners ist das Albanertum". Bis heute ist und war diese Bewegung der wichtigste Angelpunkt in den politischen Bestrebungen. Die Albaner in Jugoslawien sprechen die gleichen Dialekte und verwenden dieselbe Schriftsprache wie die Albaner in Albanien. Nach den Balkankriegen (1912-1913) geriet durch die serbische Besetzung Kosovas und die nachfolgende willkürliche Grenzfestlegung auf Kosten der Albaner, die Hälfte des gesamten albanisch bevölkerten Territoriums in das "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen". Dies geschah, nachdem die Albaner ihre Gebiete in Kämpfen gegen die Türken (1908-1912) befreit hatten, gleichzeitig aber auch selbst geschwächt worden waren, so dass sie den, von den Alliierten unterstützten, serbischen Truppen nicht standhalten konnten. Die Albaner haben sich mit der 1913-1918 geschaffenen Lage, den Grenzfestlegungen der Konferenzen von London und Versailles nie abfinden können. Diese bedeuteten die Zweiteilung eines Territoriums und seiner Bevölkerung und die Zuteilung eines Teiles der Albaner unter ein Volk, das eine völlig andere Kultur und sogar Schrift hat. (Die Serben benutzen das kyrillische Alphabet, die Albaner das lateinische). Es war eine jener unglücklichen "Grenzziehungen am Konferenztisch", die so oft in der Geschichte Unfrieden gesät haben. In Folge dieser Verträge von London und Versailles fand eine slawische Kolonisation statt. Die albanische bäuerliche Bevölkerung wurde enteignet, mehr als 300'000 Albaner wurden in die Türkei und nach Albanien umgesiedelt, jegliche Elemente der albanischen Kultur wurden unterdrückt. Die jugoslawische Politik zwischen den beiden Weltkriegen gegenüber den Albanern kann ohne Übertreibung mit dem Begriff Genozid charakterisiert werden. Mit dem deutsch-italienischen Feldzug gegen Jugoslawien 1941 kam der grösste Teil Kosovas zu Albanien. Ein kleinerer Teil im Osten und Süden des Landes wurde wegen seiner reichen Blei- und Zinkvorkommen von bulgarischen Truppen besetzt. Erstmals nach 29 Jahren lebte eine Mehrheit von Albanern vereint in einem Staat, wenngleich unter Mussolinis Gnaden. Damals wurden zum ersten Mal in diesem Gebiet albanische Schulen eröffnet. An der Konferenz von Bunjaj, deren Teilnehmerkreis in Bezug auf Kosova mit der jugoslawischen Organisation "Antifasisticko Vece Narodno Oslobodjenje Jugoslavije" (Antifaschistischer Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens) vergleichbar ist, wurde vorgesehen, dass das mehrheitlich albanische Territorium nach dem Krieg an Albanien angeschlossen werden sollte. Nach dem Krieg wurden jedoch in Kosova der Ausnahmezustand und das Kriegsrecht eingeführt. Die Albaner wurden verteilt auf Kosova, Mazedonien, Serbien und Montenegro. Bis 1966 waren sie starken polizeilichen Verfolgungen ausgesetzt: ungefähr 231'000 Menschen wurden in die Türkei ausgesiedelt, über 1000 getötet, und 60'000 wurden von der Polizei gefoltert. Zwischen 1963 und 1974 erlangte Kosova innerhalb der serbischen Föderation eine Autonomie, die nahezu den Status einer Republik erreichte. 1981 wurde erneut der Ausnahmezustand ausgerufen und ein strenges Polizeiregime eingeführt, nachdem die Albaner an Studentendemonstrationen eine Republik für Kosova forderten. Die Autonomie Kosovas wurde völlig ausgelöscht: Alle Institutionen wurden suspendiert, die Massenmedien in albanischer Sprache wurden eingestellt, die Menschenrechte wurden mehr als anderswo in Europa mit Füßen getreten; über 100 Albaner wurden getötet, langfristig wurden Tausende eingesperrt, über 100'000 Albaner wurden entlassen und verloren ihre Existenzgrundlage. Alle Grundschulen, Mittelschulen und die Universität Prishtina - soweit der Unterricht albanisch war - wurden geschlossen, die Akademie der Wissenschaften und Künste von Kosova wurde als aufgelöst erklärt. Die Albaner wurden vollständig vom öffentlichen, politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen, medizinischen Leben ausgeschlossen. Heute sind die Albaner innerhalb Jugoslawiens auf verschiedene Verwaltungseinheiten aufgeteilt. Auf ihrem ethnischen Territorium sind sie aber ebenso homogen wie die Slowenen in Slowenien und die Serben in Serbien, sowohl hinsichtlich Sprache, Kultur, Traditionen und Anzahl der albanischen Bevölkerung. Die Grenze zwischen den von Albanern bewohnten Gebieten Jugoslawiens und Albaniens ist völlig willkürlich. Sie ist weder auf ethnischen, noch geographischen, noch natürlichen Merkmalen begründet. Aufgrund dieser Trennung bleiben die wirtschaftlichen, urbanen und kulturellen Zentren wie Dibra, Tetova, Prizren, Gjakova und Peja ohne ihr natürliches Hinterland, während der grössere Teil von Nordalbanien keine entsprechenden Zentren besitzt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde den Mazedonen und den bosnischen Moslems der Status einer Nation zuerkannt. Den Albanern wurde dieses Recht einzig und allein deshalb verweigert, weil es ausserhalb Jugoslawiens einen albanischen Staat gibt. Unter den Bedingungen der allgemeinen Demokratisierung in Osteuropa, an der die Albaner des ehemaligen Jugoslawiens einen grossen Anteil hatten, sind diese entschlossen, einen friedlichen Weg zur Lösung ihrer Probleme und zur Schaffung der Demokratie zu beschreiten. Diesen Bestrebungen treten sowohl Serbien als auch Jugoslawien (als Grossserbien) mit Gewalt, Repressionen und staatlichem Terror entgegen. In der Periode von 1912 bis 1918 wurden die serbischen Ansprüche auf albanisches Gebiet mit der Notwendigkeit eines Zugangs zum Meer gerechtfertigt. Heute werden die Ansprüche mit dem Bestehen der serbischen Kirche und der serbischen Geschichte in Kosova begründet, wobei man die Geschichte und das kulturelle Leben der Albaner ignoriert. Die serbischen Kirchen und die serbische Vergangenheit in Kosova haben den gleichen Status wie die arabischen Moscheen in Spanien oder die griechischen Kirchen in Istanbul. In der Vojvodina, aus der die Deutschen 1945 vertrieben wurden, sowie in der Krajina rechtfertigt Serbien seine Ansprüche auf einer ethnischen Basis, auch wenn diese durch spätere Kolonisation zustande gekommen sind, in Kosova hingegen aufgrund einer mythischen Grundlage. Dieser serbische Imperialismus ist der Hauptgrund für alle gegenwärtigen Wirren auf dem Balkan.

 

I. Teil

KAPITEL - I -

KOSOVA IN VOR- UND FRÜHCHRISTLICHEN JAHRHUNDERTEN

Die Albaner sind Nachfahren der alten Illyrer, die im Gebiet von Ex-Jugoslawien und Albanien siedelten, das heisst: Nachfahren der dortigen Urbevölkerung. Die Slawen (Serben, Montenegriner, Mazedonier, Kroaten, Slowenen), deren ursprüngliche Heimat im heute ukrainisch-weissrussischen Raum lag, kamen erst zur Zeit der Völkerwanderung in den Balkan und assimilierten die meisten der einheimischen illyrischen Stämme. Bereits klassische Autoren wie Herodot, Polybius, Livius und Strabo beschrieben in antiken Schriften das von Illyrern bewohnte Gebiet auf dem Balkan und ihre Kultur. Jüngste Forschungen zeigen, dass der enge Kontakt mit der hellenischen Welt mit Importen aus Chios gegen Ende des 7. Jhr. v. Chr. einsetzte. Die albanische Sprache ist, neben dem Armenischen, Balto-Slawischen, Germanischen, Hellenischen, Indischen, Persischen, Romanischen und Keltischen, ein eigener Zweig des Indo-Europäischen. Es ist die einzige Nachfolgesprache der illyrischen Sprache. Die geschichtlichen Gegebenheiten zeigen, dass die Albaner (die Illyrer) im Balkan die ersten waren, welche den Monotheismus angenommen haben und sich vom hundertjährigen Heidentum entfernten. Im Grunde genommen war es der Apostel Paulus, der das Christentum zuerst in Illyrien verbreitet hat. Im Jahre 66 schreibt Paulus: "So habe ich von Jerusalem aus im Umkreis bis nach Illyrien die Frohbotschaft von Christus zu Ende geführt. Dabei setzte ich meine Ehre ein, dort zu predigen, wo Christi Namen schon genannt wurde. " (Die Bibel, Neues Testament, albanische Übersetzung 1991-94, Tirana, Lajmi i Mirë, 15.19, S.1606.)

 

Illyrisch-dardanische Märtyrer des Christentums

Der neue Glaube wurde vom illyrischen Volk sehr schnell angenommen. Zunächst bekannten sich die niederen Schichten der Bevölkerung zum Christentum, später auch die höheren. Die illyrischen Christen errichteten überall und sehr schnell ihre Kirchen. Kirchenquellen zufolge wurden Proclus und Maximus zur Zeit des römischen Kaisers Hadrian (117-138) grausam verfolgt. Sie waren die Lehrer der dardanischen Märtyrer, Flori und Lauri aus Ulpiana in der Nähe von Prishtina, die wegen ihrer Liebe zum Christentum und ihrem Dienst dafür das traurige Schicksal ihrer Lehrer erlitten. Es gibt viele Hinweise dafür, dass (christliche) illyrische Missionare unter römischen Verfolgungen litten. Eine entscheidende Wende brachte schliesslich Kaiser Konstantin I. der Grosse. Im Edikt von Mailand 313 wurde die christliche Religion offiziell anerkannt. 325 fand in Anwesenheit des Kaisers und des Papstes Libertus das 1. Ökumenische Konzil statt. Unter 318 Vertretern der gesamten christlichen Welt werden in den Konzilsakten des Dakus aus Shkupi (Skopje) die illyrischen Bischöfe Budi aus Stobi, Domi aus Sirmium, Protogenus aus Sardika erwähnt.

 

ANKUNFT DER SLAWEN

Isidor von Sevilla weiss im Jahre 615 zu berichten: "Anfangs eroberten die Slawen den europäischen Teil von Byzanz". Dabei kam ein Teil der autochthonen Bevölkerung ums Leben. Ein kleiner Teil zog sich in befestigte Städte, wie Saloniki, in Höhlen oder in die Berge zurück. Nach Jirecek haben auch grosse Aussiedlungen der Bevölkerung nach Süden in Städte wie Vlorë, Ohër, Prizren und Shkodër stattgefunden. Die Illyrer mussten wahrnehmen, dass die slawischen Expeditionen, wie die Expeditionen der Hunnen und der übrigen barbarischen Völker, überall Verwüstung und Zerstörung hinter sich zurückliessen. Die Slawen zogen sich nicht in ihre Heimat zurück, sondern usurpierten die fruchtbaren Böden der Illyrer. Die Serben brachten ihre Stammesordnung, ihre Religion und ihre Gottheiten mit. Sie widersetzten sich über lange Zeit der Christianisierung, die sie in den neuen Gebieten vorfanden. "Die erste Missionstätigkeit zur Verbreitung des Christentums unter den Slawen erfolgte durch die örtliche Bevölkerung, welche in Kontakten und Gesprächen die Lehren Christi verbreitete. " (Theophylactus Bul. Arhip. PG. 126, 128 stt.). Es ist schwierig, den genauen Zeitpunkt der Annahme des Christentums durch die Serben zu bestimmen. Viele Autoren nehmen an, dass mit der Taufe von Serbenin in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, beziehungsweise in den Jahren 867-874 begonnen wurde. Nach dem Schisma der Christlichen Kirche im Jahre 1054 gehörte der östliche Teil des ethnischen Gebietes Albaniens unter griechischem Einfluss zur byzantisch-orthodoxen Ostkirche, der westliche Teil zur römisch-katholischen Westkirche.

 

KAPITEL - II -

DIE GLAUBENSKRIEGE UND DIE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEN TÜRKEN

Mit dem Niedergang des Byzantinischen Reiches drangen Ende des 11. Jh. die Normannen nach Süditalien und in den östlichen Adriaraum vor. Wenige Jahre später folgten ihnen die Glaubenskrieger des 1. Kreuzzuges. Vom Bergland Kosovas ausgehend, entwickelten die illyrischen Albaner ihre ersten Feudaldynastien (Arberi, Arbanon), welche im Norden Albaniens um 1190 ein eigenes Fürstentum gründeten. Nach den Kriegszügen der Venezianer und der Könige von Sizilien in diesem Raum, errichtete Karl von Anjou ein kurzlebiges "Königreich Albanien", welches in verkleinerter Form als "Herzogtum Durazzo" bis 1343 bestand hatte, bis der serbische Kaiser Stefan Dusan sich des gesamten Siedlungsraumes der Albaner bemächtigte. Nach dem Tode Stefan Dusans 1355 übernahmen wieder einheimische Fürsten de facto die Herrschaft im Lande Kosova. Erneut blühten Handel und Wirtschaft für eine kurze Zeit auf. Mit der Schlacht auf dem Amselfeld (albanisch: Fushë Kosovë) 1389 setzten die Osmanischen Türken zur Eroberung der westlichen Balkanhalbinsel an. Damals versuchte eine Koalition der Balkanvölker (Albaner, Ungaren, Serben, Griechen und Bulgaren) auf dem Amselfeld den Osmanen den Weg nach Europa zu versperren. Die Verbündeten wehrten sich gleichermassen, bis 1459 Serbien und 1479 Albanien für mehr als 4 Jahrhunderte zum Osmanischen Vasallen wurde. Unabhängigkeitskämpfe, Erfolge und Niederlagen - dies erfuhren auch die Albaner im Mittelalter. Die heutige albanische Nationalflagge, die Skenderbeg-Flagge, trägt den Namen jenes Mannes, der zur Symbolfigur des albanischen Widerstandes gegen die Türken wurde und an den viele Heldenlieder erinnern. Ab 1443 wird Gjergj Kastrioti, genannt Skenderbeg, zum Führer des Befreiungskampfes der Albaner gegen die Türken, die damals auch den grössten Teil Albaniens erobert hatten. Er legte den am Hof des Sultans zwangsweise angenommenen islamischen Glauben ab und bekannte sich zum römischen Katholizismus. Darauf rief er zum Heiligen Krieg gegen die Türkei auf, gründete 1444 die "Liga des albanischen Volkes" und befreite Albanien. Mehr moralische als materielle Hilfe bekam Gjergj Kastrioti Skenderbeg auch von den europäischen Ländern, besonderes vom Papst, dem es um die Verteidigung des Christentums in Europa ging. Erst Jahrzehnte später, nach seinem Tod 1468, eroberten die Türken dann ganz Albanien für ein halbes Jahrtausend zurück. Erste Bücher stammen aus dem Norden Albaniens und wurden im 15. und 16. Jh. meistens von katholischen Priestern verfasst. Sie reflektieren die Aktivitäten der katholischen Kirche. Im Jahre 1555 erschien "Meshari" von Gjon Buzuku. Drastische Massnahmen haben die Türken besonders gegen die katholischen Albaner getroffen, da diese unter dem Einfluß vom Rom und Venedig als die grössten Feinde des Osmanischen Reiches betrachtet wurden. Aufgrund verschiedener Gesetze wurden die orthodoxen Serben gegenüber den katholischen Albanern bevorzugt. Zum Beispiel betrug die gleiche Steuer für eine orthodoxe Familie 40 Groschen, für eine katholische Familie dagegen 60. Dazu wurden alle Katholiken gezwungen für Knaben, die älter als 12 Jahre waren, eine spezielle Steuer zu bezahlen. Die Folge davon war, dass der grösste Teil der albanischen Bevölkerung ihren katholischen Glauben aufgeben und die muslimische Religion annehmen mussten. Ein grösserer albanischer Widerstand gegen die Türken konnte sich erst wieder 1683 nach der Niederlage der Türken vor Wien formieren. Es war der Erzbischof und Nationalheld Pjetër Bogdani, der den albanischen Aufstand führte und 1689 in Prizren (Kosova) den Österreichern 20'000 albanische Freiwillige als Unterstützung anbot. Beim Rückzug des österreichischen Heeres erkrankte dessen oberster Kommandant, General Piccolomini, an der Pest und starb in Prizren im Jahre 1689. Hier erkrankte auch Erzbischof Pjetër Bogdani. Damals sind 70-80'000 Albaner nach Südungarn geflohen. Unter den Römern, Byzantinern und dem Osmanischen Reich bildeten die Albaner aufgrund ihrer Tradition eine soziale und gewohnheitsrechtliche Organisation, die im 20. Jahrhundert erstmals systematisch gesammelt und in einem Gesetz schriftlich festgelegt wird (Kanuni i Lekë Dukagjinit, verfasst vom albanischen katholischen Priester At Shtjefën Gjeqovi). Die Serben werden 1817 faktisch selbständig (Tributär Fürstent), wenn auch noch innerhalb des Osmanischen Reiches. Durch den Berliner Kongreß (1878) verliert die Türkei einen Grossteil ihres Besitzes in Europa. Serbien und Montenegro gewinnen die Unabhängigkeit. (siehe Fussnote "Balkanländer 1812 bis 1915")

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Zeit des Berliner Kongresses war Kosova nicht Teil Serbiens, sondern ein Teil des Sandschaks (Mazedonien), d.h. Teil der Vilayets Kosova und Manastir im Rahmen der europäischen Türkei. Aus den Gebieten nördlich von Kosova, - zwischen Krusevac und Nisch, Pirot und Vranje - wurden vom damaligen serbischen Staat die Bewohner von ungefähr 700 albanischen Dörfern zwangsweise in die damalige Türkei ausgesiedelt. (siehe Fussnote "Balkanländer 1812 bis 1915") 1878 - 1881 wurde die "Liga von Prizren" als Zentrum der nationalen Bewegung aller Albaner gegründet. Es ging darum, die Vilayets von Kosova, Shkodra, Manastir und Janina, die mehrheitlich von Albanern bewohnt waren, zusammenzuschliessen. Die "Liga von Prizren" zielte auf die Befreiung aller Albaner von der Türkei hin. Sie wurde von der türkischen Regierung 1881 verboten, arbeitete jedoch illegal weiter. 1909 gingen neue Aufstände von Kosova und Nordalbanien aus. Ein albanischer Nationalkongress proklamierte 1912 die Unabhängigkeit und versuchte, am Ende des Balkankriegs die Anerkennung durch die Grossmächte zu erhalten. Die gegensätzlichen Interessen der Grossmächte führten zur Schaffung eines "Rumpfalbaniens", welches nur etwa 50 % der Albaner und der albanischen Territorien umfasste. Die serbische Armee, unterstützt von ihren Verbündeten Russland und Frankreich, eroberte Kosova und Mazedonien.

 

KAPITEL - III -

KOSOVA ALS TEIL DER KÖNIGREICHE DER SERBEN, KROATEN, SLOWENEN UND JUGOSLAVEN

Ein "Rumpfalbanien": Das bedeutete auch, dass Kosova, Mazedonien und Montenegro durch die Londoner Botschafterkonferenz an das " Königreich Serbien" fielen. Charakteristisch für die gesamte Zeit von 1913 bis 1941 ist eine Politik massiver Repression gegen die Albaner mit dem Ziel der Assimilierung oder Vertreibung. An allen bekannt gewordenen Massakern der Jahre 1912, 1913, 1915, 1918 und 1919, welche die serbisch-montenegrinischen Armeen an der albanischen Bevölkerung vollzogen, beteiligte sich auch der hohe serbisch-orthodoxe Klerus, so Gavrilo Dozic, der später zum Patriarchen der Jugoslawischen Orthodoxen Kirche ernannt wurde. Seine Aufgabe bei dieser Blutstrafe bestand darin, "dem Albaner die montenegrinische Kappe aufzusetzen" und den albanischen Namen in einen serbischen umzuändern. Die albanische Bevölkerung wurde gezwungen ihren Glauben aufzugeben und zum orthodoxen Glauben überzutreten. 1918 wurde Nikollë Bojaxhiu der Vater von Mutter Teresa (Gonxhe Bojaxhiu), Abgeordneter von Shkup (Skopje), vergiftet. Der Vertrag von Versailles 1919 gliederte Kosova und Mazedonien dem späteren Königreich Jugoslawien an; dies geschah ohne das Mitspracherecht der albanischen und mazedonischen Bevölkerung. Das Territorium wurde in "Banovinen" (Kleinprovinzen) geteilt. In den Jahren zwischen 1919 und 1940 wurden die Albaner grausam unterdrückt. Man nahm ihnen den Boden weg. Über 300'000 Menschen wurden in die Türkei umgesiedelt, gemäss einem Vertrag zwischen Jugoslawien und der Türkei. Auf Genozid gegen die Albaner abzielende Pläne wurden u. a. von Ivo Andric (1929) und von Vaso Cubrilovic (1939 und 1944) verfasst.

Assimilierungs-, Unterdrückungs- und

Vertreibungspolitik gegen Kosova-Albaner

Einer der "Vertreibungsberater" der königlichen Regierung war der oben genannte Vaso Cubrilovic, der 1937 mit seiner Geheimschrift "Die Vertreibung der Albaner" ein zynisches und menschenverachtendes Vertreibungsprogramm vorlegte. Cubrilovic war einer der Verschwörer bei der Ermordung 1914 des österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand in Sarajewo; später wurde er Berater im monarchistischen Jugoslawien und danach Minister unter Tito; er war Berater des ZK des "Bundes der Kommunisten" und Professor an der Universität Belgrad und stieg zu einem anerkannten Historiker auf. In seiner damaligen Schrift propagierte er ohne Umschweife die folgenden Methoden der Vertreibung: Das Erzeugen von Psychosen, das Schüren von religiösem Fanatismus, Drohungen, Strafen, Zerstörungen und Verwüstung albanischen Eigentums. "Schließlich und endlich kann man auch lokale Unruhen schüren, die dann mit wirkungsvollsten Mitteln auf blutige Weise unterdrückt werden müssten, doch nicht so sehr mit der Armee als vielmehr mit Kolonisten, montenegrischen Stämmen und Banden. Es bleibt noch ein Mittel, das Serbien auf höchst praktische Weise nach 1878 angewandt hat, wobei es im Geheimen albanische Dörfer und Stadtviertel anzünden liess." Und an anderer Stelle: "Wenn Deutschland Zehntausende von Juden vertreiben und Russland Millionen von Menschen von einem Teil des Kontinents zum anderen verlagern konnte, so wird die Vertreibung von einigen Hunderttausend Albanern schon nicht zum Ausbruch eines Weltkriegs führen." Am Schluss heisst es, dass: "....die einzige wirkungsvolle Lösung dieses Problems die massenhafte Vertreibung der Albaner ist. Die allmähliche Kolonisation hat genauso wie in anderen Ländern auch bei uns keinen Erfolg gehabt. Wenn die Staatsmacht sich im Interesse der eigenen Elemente in den Kampf um Boden einzumischen wünscht, kann sie nur dann Erfolg haben, wenn sie brutal vorgeht. Andernfalls sind die in ihren Geburtsländern verwurzelten und akklimatisierten Einwohner immer stärker als die Kolonisten. In unserem Fall müssen wir uns unbedingt vor Augen halten, dass wir es mit einer grobschlächtigen, widerstandsfähigen und gebärfreudigen Rasse zu tun haben, über die der verstorbene Cvijic gesagt hat, sie sei die expansivste auf dem Balkan."( Zitate: Cubrilovic 1937 :"Die Vertreibung der Albaner" 18. 14. 12.) Das albanisches Gebiet wurde zwischen 1919 und 1940 von serbischen und montenegrischen Kolonisten besiedelt, die aus der Lika, der Herzegowina und Montenegro kamen.

KAPITEL - IV -

KOSOVA UNTER TITO ODER DIE RANKOVIC ÄRA

Zwischen 1940-1944 wurden Kosova und ein Teil von Westmazedonien Bestandteile Albaniens unter italienischem Protektorat. Albanische Schulen wurde eröffnet. Nach dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker und mit dem Anspruch, die nationale Frage Jugoslawiens lösen zu wollen, hatten Tito und sein Kosova-Gewährsmann Fadil Hoxha den Aufbau des Partisanenkampfes gefordert. In seinem im Dezember 1942 im "Proletarier" erschienenen Artikel "Die nationale Frage im Lichte des Volksbefreiungskampfes " attackiert Tito (Josip Broz) scharf die grossserbischen Hegemoniebestrebungen im Vorkriegsjugoslawien, die die anderen Völker und Minderheiten, auch die Albaner, unterdrückt und versklavt hatten. Er sah daher " gerade (....) das Wesen des Volksbefreiungskampfes"als Lösung für die nationale Frage: "Das Wort "Volksbefreiungskampf" wäre nur eine Phrase, ja eine Täuschung, hätte es nicht neben dem gesamtjugoslawischen auch einen nationalen Sinn für jedes Volk im besonderen, das heisst, bedeutete es nicht ausser der Befreiung Jugoslawiens zugleich auch die Befreiung der Kroaten, Slowenen, Serben, Mazedonier, Albaner, Muslime usw." 1943 setzten militärische Aktionen im Kosova ein und es wurde eigens der "Hauptstab des Volksbefreiungskampfes für Kosova und Dukagjini" unter Führung des Kosova-Albaners Fadil Hoxha gebildet. 1943-1944: In der Resolution des "Nationalen Befreiungskomitees für Kosova und Dukagjini" in Bujan steht: "Kosova und Dukagjini bilden eine Region, in der die albanischen Einwohner überwiegen; diese wünschen wie eh und je, mit Albanien vereinigt zu werden. Folglich ist es unsere Pflicht, den Weg aufzuzeigen, den die albanische Bevölkerung einschlagen muss, um ihre Hoffnungen zu realisieren. Der einzige Weg für die Albaner von Kosova und Dukagjini, mit Albanien vereinigt zu werden, führt über den gemeinsamen Kampf mit den anderen Nationen Jugoslawiens gegen die Invasoren und ihre Kräfte, weil es der einzige Weg ist, die Freiheit zu gewinnen, wenn alle Völker einschliesslich der Albaner in die Lage versetzt werden, ihr eigenes Schicksal zu wählen, d. h. Selbstbestimmung unter Einschluss des Rechts auf Sezession." 1945: Die Albaner werden zwangsweise mobilisiert und an die Sremische Front (Vojvodina) geschickt. Ungefähr 4000 Albaner, die mobilisiert, aber nicht bewaffnet worden waren, werden in Bar (Montenegro) massakriert. In Kosova wird das Kriegsrecht ausgerufen. Auch wenn Tito die Vereinigung der Albaner versprochen hatte, wird Kosova mit militärischer Gewalt in Jugoslawien behalten.

DIE RANKOVIC-ÄRA VON 1947 BIS 1966

Jedes Kind kennt im Kosova diesen Namen und er ist ihm nicht minder verhasst als der von Vaso Cubrilovic: Aleksander Rankovic. Der gelernte Schneider war seit 1928 Mitglied der illegalen KP Jugoslawiens, seit 1940 Mitglied des Politbüros, ab 1946 bis 1966 entweder Innenminister, Generalsekretär der Partei oder Vizepräsident des Landes. Er starb im Juli 1983. Bereits im jugoslawischen Befreiungskampf spielte Rankovic eine bedeutende Rolle. Er befehligte eine eigene Einheit, der Serben und Albaner gleichermassen angehörten. Nach Dokumenten des Historikers Spasoje Djuricic kam es dort in der Endphase des Krieges zu folgendem Zwischenfall: Ein albanischer Kämpfer erschoss einen serbischen Kameraden. Anstelle eines Prozesses wird die Forderung gestellt, dafür 40 Albaner standrechtlich zu erschiessen. Das erfuhr die albanische Bevölkerung in der Gegend und die Partisaneneinheit wird in der Nacht von Bauern angegriffen. Diese schlug brutal zurück: 300 Zivilisten kamen ums Leben. Die Partisanen übten grausame Rache. Sie steckten 130 Zivilisten albanischer Nationalität in einen verlassenen Bunker; alle starben einen jämmerlichen Erstickungstod. Nun behauptet der Historiker Djuric, Rankovic sei einer der wenigen in der Formation gewesen, die ihre Abscheu gegenüber dem Verhalten der Partisanen zum Ausdruck gebracht hätten (vgl. Spasoje Djuric 1984, S.158-159). Für die albanische Bevölkerung ist dies ein Mythos. Für sie ist Rankovic ein notorischer Albanerhasser und es gibt nicht wenige Albaner, die dem "Grossserben" ähnliche Massaker sogar noch in den 50er Jahren unterstellen. Eines jedenfalls gilt als sicher: Unter seiner Leitung als Innenminister und Vizepräsident Jugoslawiens wurden Tausende Familien zwangsweise in die Türkei umgesiedelt, unzählige Menschen verschwanden spurlos oder wurden in Gefängnissen zu Tode gefoltert. Diese Anschuldigungen werden noch heute unter vorgehaltener Hand weitergegeben und obwohl Rankovic am 1. Juli 1966 entmachtet und aller Ämter enthoben wurde, wird in der jugoslawischen Presse jede Diskussion über diese Zeitspanne sorgsam ausgeklammert. Selbst seriöse Zeitschriften beschränken sich darauf zu berichten, der Serbe habe den Fehler begangen, selbst im Schlafzimmer Titos und anderer hoher Funktionäre Abhörgeräte installiert zu haben, deshalb sei er gestürzt worden. Betrachtet man die Dokumente zu der ZK-Sitzung, auf der Rankovic "wegen Degenerierung des Staatssicherheitsdienstes" zur "Unperson" erklärt wurde, lässt sich vermuten, dass in Kosova ein Terrorregime herrschte. Parteichef Tito wird mit den Worten zitiert: "Ich muss sagen, dass die Menschen zu flüstern begonnen haben, dass überall gegenseitiges Misstrauen geschürt wird. Erinnert dies nicht sehr an Stalins Zeiten ? Ich meine doch." Rankovic hat den Geheimdienst ausserhalb der Legalität zu einem Willkürinstrument umgewandelt. Konkretere Anklagepunkte bleiben aus und Zahlen über die Opfer wurden bis heute vorsorglich verschwiegen. Erst 1984 gelang es, das Problem der Zwangsaussiedlungen in die Türkei anzusprechen. Zwischen 1953 und 1966 verliessen in Folge der Rankovic-Herrschaft 230'000 Bewohner Kosovas als angebliche "Türken" ihre Heimat. 1946 - 1966: Grausame Unterdrückung durch die Polizei: Über 1'000 Tote und 60' 000 gefolterte Menschen. Das Albanologische Institut wird 1955 geschlossen; bekannte Intellektuelle werden deportiert. 1963: Die neue Verfassung Jugoslawiens stellt die Autonomie Kosovas der von Vojvodina gleich. 1966-1968: Rankovic (Ultranationalist) wird gestürzt. Das albanische Schulwesen wird erweitert, es beginnt der Unterricht in albanischer Sprache an den Fakultäten und das Albanologische Institut wird wieder ins Leben gerufen. Das Ende von Druck und Terror hatte die Albaner aufatmen lassen. Nun erst kamen sie dazu, die Bilanz aus der Nachkriegszeit zu ziehen. Diskriminierung und Gesetzlosigkeit standen im Vordergrund. Eine Reihe von Strafprozessen in den Jahren 1967/68 gegen ehemalige Beamte des Polizeiapparates, durchwegs Serben, brachte unerhörte Grausamkeiten ans Licht. Die Folterknechte wurden verurteilt, ihre Auftraggeber jedoch blieben in den Prozessen unerwähnt. 1968 wird in Diskussionen über die Verfassung für Kosova der Status einer Republik gefordert. In Konsultationen über die Sprache wird festgelegt, dass die albanische Schriftsprache in Jugoslawien mit der in Albanien identisch sein soll. Studentendemonstrationen mit der Forderung "Kosova Republik" werden von Armee und Polizei unterdrückt. Viele Jugendliche werden eingekerkert. Zahlreiche Verbesserungen der Verfassung, die eine Aufbesserung des Status von Kosova zur Folge haben, werden gebilligt. 1970 wird die Universität Prishtina gegründet. 1972 findet in Tirana der Orthographie-Kongress statt, an dem auch Delegierte aller albanischen Gebiete Jugoslawiens teilnehmen. Es wird beschlossen, dass die Schriftsprache für alle Albaner die gleiche sein soll.

 

KAPITEL -V -

DIE NEUE VERFASSUNG GEWÄHRT KOSOVA DIE ZEIT EINER TEILAUTONOMIE (1974-1989)

Gemäss der Bundesverfassung von 1974 war Kosova wie die anderen 6 Republiken des ehemaligen Jugoslawiens ein konstituierendes Element der Föderativen Republik Jugoslawiens. Kosova wurde als eines der acht Gründungsmitglieder anerkannt und erhielt eine eigene Verfassung, mit Parlament, Präsidium, Regierung, Gericht, Universität, Planungs- und Schulinstanzen sowie Institutionen für die allgemeine Entwicklung, Polizei, Justiz und einer Territorialverteidigung. Kosova war auf Bundesebene direkt vertreten, hatte das Veto-Recht auf Ebene Bundesregierung und war von der Regierung Serbiens unabhängig. Damit war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Autonomen Republik Kosova getan. Leider wurden die Verfassungsartikel (siehe dazu Anhang) aber nur teilweise umgesetzt. Dies führte 1981 zu einer Studenten- und Volksdemonstration. In ex-Jugoslawien waren die Albaner mit 3 Millionen Menschen die drittgrösste Bevölkerungsgruppe nach den Serben mit etwas über 8 Millionen und den Kroaten mit knapp 4 1/2 Millionen Menschen. Im Unterschied zu den kleineren Volksgruppen, wie die Mazedonier und Montenegriner, durften sie jedoch keine voll autonome Republik bilden, sondern mussten Teil der serbischen Republik bleiben. Ein grosser Teil der Albaner Kosovas, die 90% der Bevölkerung in der Provinz ausmachten, waren daher mit dem Status, der ihnen zugestanden wurde, unzufrieden und verlangten die Ausrufung einer Republik Kosovas. Polizei und Armee lösten die Demonstration mit Gewalt auf. Zurück blieben 11 Tote. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, und die Studentenunruhen als kontrarevolutionär verurteilt. Dies bedeutete, dass viele Demonstranten gemäss Artikel 114 des Jugoslawischen Strafgesetzes zu 1 bis 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurden (siehe Anhang). Von 1981 bis 1989 wurden in Kosova 167 Personen umgebracht, 500 verletzt, 12'000 verurteilt und 500'000 von der Polizei einvernommen und misshandelt. Zweimal wurde der Ausnahmezustand verhängt. 1987: Mit dem Machtantritt Milosevics beginnt der Prozess zur Auslöschung der Autonomie Kosovas. Milosevic kommt an die Macht. Die Bergleute von Trepça streiken. Demonstrative Sternwanderungen der Bevölkerung aus ganz Kosova nach Prishtina finden statt. Der Ausnahmezustand wird verhängt. In der Verfassung Serbiens von 1989 wird die Autonomie Kosovas praktisch ausgelöscht. Der Appell von 215 albanischen Intellektuellen zur Verteidigung und Entwicklung der Autonomie löst eine Verfolgung der Unterzeichner, die Einkerkerung der politischen Führung Kosovas sowie von 250 Intellektuellen und zahlreichen Jugendlichen aus. Auch der "Bund der Kommunisten" wird aufgelöst. Es bilden sich erste Gruppen von Oppositionsparteien. Im Dezember 1989 wird die "Demokratische Liga Kosovas (LDK)" gegründet: Die Zahl der Anhänger unter der albanischen Bevölkerung wächst sehr rasch. Weitere Parteien werden gegründet. Der friedliche passive Widerstand der Albaner wird immer grösser und tritt stärker an die Öffentlichkeit.

KAPITEL - VI -

KOSOVA DEFINIERT SEINE SOUVERÄNITÄT UND UNABHÄNGIGKEIT

Am 2. Juli 1990 verkündet das Parlament von Kosova die Verfassung für die Republik Kosova; nur drei Tage später erklärt das serbische Parlament diese Erklärung als nichtig, ohne dafür eine verfassungsrechtliche Grundlage zu haben. Am darauffolgenden 7. September ruft das Parlament von Kosova in Kaçanik erneut die Verfassung der Republik Kosova aus. Als Antwort schliesst Serbien den albanischen Rundfunk- und Fernsehsender in Prishtina; auch die einzige Tageszeitung in albanischer Sprache "Rilindja" wird verboten. Albanische Schulen werden geschlossen, albanische Ärzte und medizinisches Personal werden zu Tausenden aus den Krankenhäusern entlassen. Im September 1991 wird ein Referendum durchgeführt, bei dem sich 87,5 % der Bevölkerung für einen unabhängigen, souveränen Staat Kosova aussprechen. 1992 setzt die provisorische Mehrparteienregierung von Kosova ihre Arbeit zum Teil im Exil fort. Am 24. Mai finden freie Mehrparteienwahlen statt, an denen 24 politische Parteien und Gruppierungen teilnehmen. Im aus vier Parteien bestehenden Parlament erreicht die "Demokratische Liga Kosovas" die Mehrheit. An diesen Wahlen nahmen auch die politischen Parteien der serbokroatisch- sprachigen Moslems und der Türken aus Kosova teil. Mit 97 % der Stimmen wurde Dr. Ibrahim Rugova zum Präsidenten der Republik gewählt. Kosova und die Albaner in den anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens lehnten es ab, am 27. April 1992 an der Konstituierung des III. Jugoslawiens (aus Montenegro und Serbien bestehend) teilzunehmen. Bei Wahlen in Kosova im März 1998 gaben 88,71 % der Wähler ihre Stimme ab. In der Gegend von Drenica konnten die Wahlen wegen des dortigen Belagerungszustandes nicht durchgeführt werden. Präsident Rugova erreichte 99, 29 % der Stimmen. Die LDK erreichte im Parlament die absolute Mehrheit. Weiter vertreten sind die Albanische Christdemokratische Partei, die Bürgerliga Kosovas, die Liberale Partei Kosovas sowie die Partei der Demokratischen Aktion. Da der jugoslawische Staat nicht mehr besteht, fehlt demzufolge die Grundlage für die Einverleibung Kosovas durch Serbien. Falls Europa die serbische Herrschaft über Kosova zulassen sollte, dann würde dies die Kontinuität des kolonialen Status der Albaner - eines der ältesten Völker Europas - bedeuten. Dieser Zustand würde die Krise in der Region weiter verschärfen und die Albaner zwingen, andere Mittel für ihre Befreiung zu suchen.

 

KAPITEL - VII -

DIE POLITISCH-JURISTISCHE LAGE IN KOSOVA UNTER SERBISCHEM BESATZUNGSREGIME

Die ehemalige Autonome Provinz Kosova umfasst ein Gebiet von 10' 908 km2. Von den 2'105'000 Mio. Einwohnern sind rund 90% Albaner und ungefähr 8% Serben/Montenegriner. Die restlichen 2 % sind Moslems, Kroaten und Türken. In der Bundesverfassung von 1974 war Kosova wie die anderen 6 Republiken (Art. 2, 3, 4 der Bundesverfassung) des ehemaligen Jugoslawiens ein konstituierendes Mitglied. Die National- und Freiheitsrechte der Albaner wurden verfassungs- und völkerrechtswidrig eingeschränkt. Die Republik Serbien versuchte mit allen verfügbaren Mitteln, teilweise auch mit Hilfe der anderen ehemaligen Republiken, die Autonomie Kosovas zu untergraben. Um die Autonomie abzuschaffen, musste unter Zustimmung des Parlamentes zuerst die Verfassung von Kosova geändert werden. Am 28. März 1989 stimmte das Parlament von Kosova unter grossem Druck und militärischer Besetzung einer Verfassungsergänzung zu, die Kosova in die Republik Serbien einverleibte. Damit wurde die Autonomie Kosovas de facto und de jure aufgehoben. Das albanische Volk widersetzte sich diesem verfassungswidrigen Schritt und organisierte Demonstrationen und Streiks. Die Staatsmacht war jedoch stärker und brutaler; Kosova wurde okkupiert. Parlament und Regierung von Serbien beschlossen eine Reihe von Sondergesetzen, um die Apartheid- und Unterdrückungspolitik gegen die Albaner zu legalisieren und zu realisieren:

o Das Gesetz über die Zuständigkeit der republikanischen Organe im Ausnahmezustand (25. Juni 1990).

o Das Gesetz über die Auflösung des Parlamentes von Kosova und dessen Regierung ( 5. Juli 1990).

o Das Gesetz über die Anordnung von Zwangsmassnahmen in den Arbeitsorganisationen in Kosova (26. Juli 1990).

o Das Gesetz über den Gebrauch der Amtssprache am Arbeitsplatz in Kosova (27 Juli 1990).

o Das Gesetz über die Auflösung des Verfassungsgerichtes, des Obergerichtes und der Staatsanwaltschaft (Nr. 30, 44/90 und 46/91).

o Niederlassung und Beschäftigungsgesetz in Kosova (20 Juli 1990).

o Das Gesetz über Erwerb von Grund und Boden (18 April 1991).

Diese und viele andere Gesetze widersprachen der Bundesverfassung Jugoslawiens, Serbiens und Kosovas. Die Regierung Serbiens erreichte durch die obengenannten Sondergesetze die totale Zerstörung und Untergrabung des politischen und juristischen Systems in Kosova. Das Gleiche gilt für die Massnahmen im Schul- und Gesundheitswesen sowie im Sozialbereich. In den letzten Jahren ist die Situation in Kosova äusserst gefährlich und undurchsichtig geworden. Parlament und Regierung können keine offiziellen Tagungen mehr durchführen und werden politisch verfolgt. Da das Justiz- und Polizeiwesen ausser Kraft gesetzt wurde, besteht keine Möglichkeit, die von Kosova erlassenen Gesetze in Kraft zu setzen. Mehr als 300 Berufsrichter wurden entlassen, und auch die albanische Polizei wurde ihrer Funktion entkleidet. Die albanische Bevölkerung ist heute entmündigt und ihrer elementaren Rechte beraubt. Mit der Einführung der serbischen Amtssprache werden alle Dokumente nur noch in serbischer Sprache verfasst. Sogar die öffentlichen Schulen und Strassen wurden in serbische Namen umbenannt. Wenn Albaner von der Polizei oder vom Militär umgebracht werden, wird niemand zur Verantwortung gezogen. Allein seit 1989 wurden 219 Personen getötet. Tagtäglich werden Albaner auf erniedrigendste Art malträtiert. Beispielsweise werden sie gezwungen, Taschenmesser, Rasierklingen oder Eheringe zu verschlucken. Es gibt Fälle, wo Männer auf perverse Art und Weise kastriert wurden. Einer Schülerin in Pejë wurde ein Ohrläppchen abgeschnitten. Häufig wird in Kosova Art. 305 des serbischen Strafrechts zur Anwendung gebracht. Aufgrund dieses Artikel kann der Richter jederzeit die sofortige Inhaftierung anordnen. In der Strafprozessordnung wurde die Einschränkung des Verteidigungsrechts bei Gefährdung der Staatssicherheit als Ausnahmerecht verankert. Damit ist juristisch jeder Willkür Tür und Tor geöffnet. Oftmals werden albanische Häuser ohne Grund von der serbischen Polizei durchsucht. Nicht selten wird der Hausrat demoliert oder Geld, Schmuck und andere Wertsachen einfach mitgenommen. Männer werden vor den Augen ihrer Angehörigen misshandelt und auch Frauen und Kinder werden nicht verschont. Lebensmittel und Waffen werden beschlagnahmt. Oft fliehen die Leute ins Ausland, um nicht verfolgt oder getötet zu werden. Die am meisten gefährdete Bevölkerungsschicht sind Jugendliche zwischen dem 17. und 27. Lebensjahr. Sie werden zwangsweise ins Militär eingeteilt und an die Fronten in Kroatien und Bosnien geschickt. Gegen aktive Mitglieder politischer Parteien sowie gegen Intellektuelle finden regelrechte Hexenjagden statt. Die Repression in Kosova hat bis heute 500'000 Albaner ins Exil getrieben. Serben, die sich an ihrer Stelle in Kosova niederlassen wollen, erhalten kostenlos fünf Hektaren Land. Gemäss Angaben von Helsinki Watch wird mit diesem Gesetz die ethnische Struktur Kosovas zugunsten der Serben verändert. Serbien hat in Kosova ungefähr 40'000 Soldaten und 20'000 paramilitärische Einheiten sowie 2' 000 Polizisten und Spezialeinheiten stationiert. Letztere werden von berüchtigten Personen wie Voislav Sesel oder Arkan angeführt. Obwohl Arkan als internationaler Krimineller von Interpol gesucht wird, wurde er als Abgeordneter von Prishtina ins Bundesparlament gewählt.

 

DAS GESUNDHEITSWESEN

Im Sommer 1990 starteten die Serben eine Aktion und entliessen 2'000 albanische Ärzte. Seitdem wurde fast das gesamte albanische Pflegepersonal Kosovas entlassen und durch Serben ersetzt. Viele Kliniken wurden geschlossen, und in die noch verbliebenen geht kaum ein Albaner, aus Angst vor schlechter Behandlung. Ein Klinikaufenthalt ist ohnehin fast unerschwinglich. Arbeitslose sind von den Betriebskrankenversicherungen ausgeschlossen. Privatversicherungen sind teuer. Nur noch wenige Albanerinnen entbinden im Krankenhaus. Mysteriöse Totgeburten und der Tod von gesunden Neugeborenen versetzen die Mütter in Angst und Schrecken. Sie ziehen es vor, ohne Hilfe zu Hause zu gebären. Die Kindersterblichkeit im Kosova ist äusserst hoch. Nebst der schlechten medizinischen Versorgung sind oft auch Unter- und Falschernährung schuld daran. Ein weiteres grosses Problem stellen Epidemien dar. Da die Kinder keine Vorsorgeimpfungen mehr erhalten (Mangel an Medikamenten), breiten sich Tuberkulose, Kinderlähmung, Scharlach, Keuchhusten und Röteln in Windeseile aus. Immer mehr Todesfälle werden gemeldet. Um dieser Misere entgegenzuwirken, haben entlassene albanische Ärzte private Ambulatorien eröffnet. Diese sind primitiv eingerichtet und es fehlt am Nötigsten. In den Apotheken fehlen Medikamente, und illegale Ambulatorien werden nicht beliefert. Der schlechte Lebensstandard, die fortwährende Unterdrückung und der ständige Terror verursachen natürlich auch psychische Krankheiten, die nur schwer zu behandeln sind.

DAS BILDUNGSWESEN

Bereits anfangs der achtziger Jahre begann man, viele Bücher namhafter albanischer Schriftsteller aus den Bibliotheken zu entfernen. Zugleich wurde in Mazedonien beschlossen, albanische Schulklassen mit slawischen zu mischen, um Mazedonisch als einzige Unterrichtssprache durchzusetzen. Im Sommer 1990 beschloß das serbische "Provinzparlament Kosovas", dass albanische Schüler von nun an nach dem serbischen Schulprogramm unterrichtet werden sollten. Das bedeutete, dass der Unterricht in serbischer Sprache erfolgte, und Geographie, Geschichte und Kultur ausschliesslich aus serbischer Sicht gelehrt wurde. Viele albanische Lehrer wurden entlassen und die noch angestellten Lehrkräfte ab Frühjahr 1991 nicht mehr entlöhnt. Viele Schulen wurden geschlossen oder mit Namen serbischer Helden versehen. Nur noch einem kleinen Prozentsatz albanischer Schüler wurde erlaubt, sich an der Universität von Kosova einzuschreiben. Die meisten freien Plätze wurden von serbischen und montenegrinischen Studenten belegt. Anfangs des Schuljahres 1991/92 verbarrikadierte bewaffnete serbische Polizei die Eingänge zu den Schulen, um den Albanern den Zutritt zu verweigern. Um Konflikte zu vermeiden, entschied der albanische Minister für das Bildungswesen, den Schulanfang einen Monat später anzusetzen. Die serbische Polizei war wieder anwesend und misshandelte Schüler und Lehrer. Seitdem boykottieren die Albaner das öffentliche Schulsystem. Heute findet der Unterricht in Privathäusern statt, oft unter schlechtesten Bedingungen. Im Winter musste der Schulbetrieb oft für Wochen eingestellt werden, da Heizmaterial fehlte. Aber die wohl traurigste Seite dieser Situation ist, dass die Schüler auf ihrem Schulweg von serbischer Polizei angehalten und unter Schlägen über ihren illegalen Unterricht ausgefragt werden. Unter Drohungen wird ihnen verboten, weiter zur Schule zu gehen. Albanische Lehrer, die am albanischen Schulsystem festhalten, werden nicht selten zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt.

PROBLEMKREIS ARBEIT / SOZIALES NETZ

Obwohl Kosova reich ist an Rohstoffen, günstige klimatische Verhältnisse herrschen und eine grosse Zahl an Arbeitskräften vorhanden ist, gehört es zu den unterentwickeltsten Regionen Europas. Die Gründe dafür sind nicht nur in der katastrophalen Entwicklung der jugoslawischen Wirtschaft zu suchen, sondern auch in der systematischen Diskriminierung und Repression gegenüber der albanischen Bevölkerung. Gemäss den Angaben der Gewerkschaft BSPK (Bashkimi i Sindikatave të Pavarura të Kosovës, The Union of indepedent trade unions of Kosova) sind von den rund zwei Millionen Albanern im Kosova 800'000 im arbeitsfähigen Alter. Mehr als die Hälfte hat das Land verlassen. Sie sind in den Industrienationen Europas als Gastarbeiter tätig. Gemäss der Ausländerstatistik des Bundes gab es 1991 allein in der Schweiz 137'480 erwerbstätige jugoslawische Staatsangehörige, wovon wahrscheinlich mehr als die Hälfte albanischer Nationalität sein dürfte. Von den in Kosova gebliebenen 400'000 arbeitsfähigen Kosova-Albanern sind rund 250'000 Mitglieder der BSPK. Von diesen wurden bis zum 25. September 1992 über 100'000 entlassen und 42'000 waren gar nie angestellt gewesen. Damit gibt es beinahe 150'000 arbeitslose Gewerkschaftsmitglieder. Aber auch Nicht-Mitglieder wurden massenweise entlassen. Etwa 25'000 Stellen sind durch Serben und Montenegriner besetzt worden. Die Gewerkschaft BSPK hat über 30 Entlassungsgründe "gesammelt". Einige seien hier zur Illustration erwähnt :

o Entlassung auf Befehl der Polizei;

o Benützung der albanischen Sprache am Arbeitsplatz;

o Mitgliedschaft bei der BSPK;

o Keine Kooperation mit den serbischen Vorgesetzten ;

o Finanzielle Unterstützung von entlassenen Arbeitskollegen;

o Teilnahme an Streiks oder an Demonstrationen.

Nicht nur Arbeiter in den staatlichen Fabriken wurden entlassen, sondern auch mehr als 3'000 private Läden wurden geschlossen. Die noch arbeitenden Albaner verrichten in der Regel nur noch unqualifizierte Arbeiten. Sie erhalten keine Zusatzleistungen wie Ferien oder Familiengeld. Da die Mehrheit der Bevölkerung von dieser Arbeitslosigkeit betroffen ist, ist die soziale Situation in Kosova für die Albaner katastrophal. Mehr als eine halbe Million leben ohne irgendwelche staatliche Unterstützung und ohne Lohn. Serbische Arbeitslose erhalten Unterstützung, nicht aber albanische. Die BSPK spricht in diesem Zusammenhang von ethnischer Säuberung. Ohne die Unterstützung der im Ausland lebenden Albaner könnten die in Kosova verbliebenen Menschen nicht überleben. Die BSPK hat für die Mitglieder eine private Arbeitslosenversicherung organisiert, die durch im Ausland Arbeitende finanziert wird. Dadurch kann die Gewerkschaft eine bedürftige Familie mit ungefähr 100 - 150 DM monatlich unterstützen. Die Verteilung dieser Gelder muss im Geheimen erfolgen. Entlassungen von Albanern erfolgte in allen Arbeitsbranchen: Industrie, Dienstleistungen etc. In der Verwaltung und an den Gerichten sind praktisch keine Albaner mehr tätig, sondern nur noch Serben und Montenegriner. Die Albaner haben auch kein Vertrauen mehr in die öffentlichen Ämten, da sie von diesen diskriminiert werden.

DIE AKADEMIE FÜR KUNST UND WISSENSCHAFT VON KOSOVA - OPFER DER GEWALT

Am 8. Februar 1994 haben sich in Prishtina mehrere Personen an der Akademie für Kunst und Wissenschaft als Beamte der serbischen Behörden vorgestellt und das Sekretariat aufgefordert, die Räume innert drei Tagen zu verlassen. Dies aufgrund des Entscheids des "Präfekten" von Kosova, Milos Simovic. Am 9. Februar wurde nach der ausserordentlichen Versammlung der Akademie folgende Mitteilung bekanntgegeben : "Wir haben den Befehl erhalten, die Räume zu verlassen; dieser Entscheid ist vom unzuständigen serbischen Parlament gefasst worden. Die Akademie von Kosova ist am 18. April 1978 aufgrund eines Spezialgesetzes gegründet worden. Deshalb weigern wir uns, diesen willkürlichen Befehl zu befolgen. Den serbischen Behörden bleibt das einzige Mittel Gewalt, um das Gebäude und die Güter zu beschlagnahmen; die internationale Gemeinschaft wird über diese barbarische Tat, die gegen ein Volk und gegen eine wissenschaftliche Institution gerichtet ist, urteilen. Die Akademie von Kosova fordert die internationalen kulturellen und politischen Institutionen dazu auf, gegen diese unzivilisierte Repression der serbischen Behörden zu protestieren. Sie verlangt ebenfalls, dass eine Lösung für das Problem Kosovas so schnell wie möglich gefunden wird, dabei aber der demokratische Wille eines Volkes, das mehrheitlich für die Unabhängigkeit und die Demokratisierung dieser Gegend ist, nicht ausser Acht gelassen wird."

KAPITEL - VIII -

FOLTER UND TÖTEN

DER MÖNCH AMBROZ UKAJ

Der Franziskanermönch Ambroz Ukaj aus Gjakovë ist 1993 nach zwei Monaten Haft vom Untersuchungsrichter freigelassen worden. In einem Interview mit der Zeitung "Rilindja", erschienen am 29. Dezember 1993, erzählte er seine Geschichte: "Am 19. Oktober 1993 kamen gegen 22 Uhr serbische Polizisten in die Kirche Shën Ndou (Hl. Andreas) unter dem Vorwand, dass jemand Sprengstoff versteckt habe, und darum die Kirche durchsucht werden müsste. Sie schauten überall nach, fanden aber nichts. Gegen 23 Uhr weckten mich meine Brüder auf, weil die Polizisten mich sprechen wollten. Nach einer halben Stunde Diskussion in meinem Büro musste ich mich anziehen, und die Beamten führten mich auf das Kommissariat. Dort wurde ich eine Stunde lang verhört(....) Schliesslich legten mir die Polizisten Handschellen an und führten mich in ein Zimmer, wo sie mich mit den Handschellen an einen Stuhl fesselten. Mein Büro wurde während drei Stunden durchsucht; eine Fahne, Zeitungen und Manuskripte wurden dabei beschlagnahmt, die ich bis heute noch nicht zurückerhalten habe. Die rassistischen und religiösen Beleidigungen waren solchermassen, dass ich noch heute nicht begreifen kann, wie jemand sich so äussern kann. Bis zum 22. Oktober wurde ich zweimal täglich an Füssen, Händen und Gesicht gefoltert; anschließend kühlten sie die Wunden mit kaltem Wasser, damit keine bleibenden Narben entstehen. Sie sagten mir, dass sie die katholische Kirche von Ferizaj geschlossen und Seine Exzellenz Nikë Prela verhaftet haben. (...) Seit Jahren schon versucht der Franziskanerrat von Gjakovë, die Misere zu lindern. Ich war verantwortlich für die Verteilung der Hilfe in unserem Gebiet. 300 bedürftige Familien wurden von uns versorgt. Im Juni 1992 sind während der Messe des Hl. Andreas (Shënë Ndou), die von Dom Lush Gjergji gehalten wurde, zwei Personen verletzt und ein Priester geschlagen worden. Ich kann nicht fassen, dass solche Sachen auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert noch geschehen".

ALBANISCHE KINDER - OPFER DES SERBISCHEN BESATZERS IN KOSOVA

"Der juristisch-strafrechtliche Schutz albanischer Kinder ist mit internationalen juristischen Vorschriften bis heute nicht vereinbar, insbesondere seit die Autonomie Kosovas von der serbischen Staatsmacht gewaltsam aufgehoben wurde." So drückte sich in einem Interview gegenüber der Zeitung "Rilindja" der Aktivist des Rates für die Verteidigung der Menschenrechte und -freiheiten in Prishtina, Ali Bajgora aus. Im Bericht dieses Rates ist festgehalten,dass sich allein in der Zeit von 1981 - 1995 unter den 238 albanischen Opfern der Militärpolizei 24 Kinder und Minderjährige zwischen 6 und 18 Jahren befunden hätten. Ebenso seien während derselben Zeit 49 weitere Minderjährige und Kinder verletzt worden. Als häufigste Formen der Misshandlung von Kindern erwähnt Bajgora neben Mord und Folterung auch Geiselnahmen, Vergiftungen, Verletzung des Rechts auf Schulbildung, auf soziale Sicherheit und gesundheitliche Versorgung sowie die erzwungene Auswanderung. Bajgora betont, dass die Urheber dieser Verbrechen nicht verfolgt und auch strafrechtlich nicht verurteilt würden. Nur in seltenen Fällen könnten Untersuchungen vorgenommen und Strafen ausgesprochen werden, aber auch dies nur formal, zum Schein vor der Weltöffentlichkeit.

TOD NACH FOLTER

Im Krankenhaus von Prishtina starb am 6. Juli 1994 der 53järige Hajdin Bislimi aus dem Dorf Prekaz i Epërm (Gemeinde Skenderaj), wohnhaft in Mitrovicë im Stadtteil Bair. Am 9. Juni war Bislim von der serbischen Polizei in seiner Wohnung verhaftet und dann im Kommissariat von Mitrovicë am 9., 10. und 11. Juni brutal gefoltert worden. Am 7. August 1994 kreisten gegen vier Uhr morgens zahlreiche serbische Polizisten mit gepanzerten Fahrzeugen und Militärhubschraubern mehrere Häuser in Shajkovc ein und feuerten bis 13 Uhr auf die Wohnungen. Sie töteten den ehemaligen politischen Häftling Hasan Ramadani, geb. 1948. Die Polizisten schlugen viele Zivilpersonen zusammen und nahmen zahlreiche Verhaftungen vor. Berichten zufolge ist es sehr wahrscheinlich, dass auch andere Personen verletzt wurden. Das Haus Ramadanis und andere wurden niedergebrannt. Am 12. Oktober 1994 wurde Istref Elshani aus Gllogovc von der serbischen Polizei verhaftet und ins Gefängnis von Prishtina gebracht. Er wurde misshandelt, danach für Erste-Hilfe-Massnahmen ins Krankenhaus gebracht und anschliessend wieder ins Gefängnis zurückgeführt. Als er am folgenden Tag wieder ins Krankenhaus geschickt wurde, behielten ihn die Ärzte in der Abteilung für Nierenheilkunde, da infolge der Folterungen die Funktion seiner beiden Nieren ausgesetzt hatte. Er erhält nun Dialyse und wird in seinem Zimmer von der Polizei streng bewacht, die sämtliche Besuche, selbst die seiner Familie, kontrolliert. Am 6. November 1994 starb Imer Muli (geb. 1929) aus Vushtrri an den Folgen der ihm durch die serbische Polizei bei einer Durchsuchung seiner Wohnung am 31. Oktober zugefügten Verletzungen. Seit jenem Tag lag Muli im Koma, aus dem er nicht wieder erwachte. Am 12. April 1995, um 19. 00 Uhr haben drei Polizisten Abedin A. Ahmeti (35jährig) in seinem Haus im Dorf Zhabar i Epërm (Gemeinde Mitrovicë) verhaftet und ihn bis 21 Uhr auf dem Polizeiposten festgehalten. Eine Viertelstunde nach seiner Freilassung brachten sie ihn erneut auf den Posten und liessen ihn um 23 Uhr wieder frei. Um 1 Uhr nachts brachten sie ihn erneut auf den serbischen Polizeiposten. Schliesslich wurde sein Leichnam ins Spital Mitrovicë gebracht. Am 13. April teilte ein serbischer Polizeioffizier den Hinschied Abedins seiner Familie mit, ohne jedoch die Todesursache anzugeben.

SELBSTMORD NACH POLIZEIDROHUNGEN

Musli I. Krasniqi (geb. 1957) von Kolovicë (Prishtina), Vater zweier Kinder, beging am 14. Dezember 1994, 200 Meter von seiner Wohnung entfernt, Selbstmord, nachdem die serbische Polizei ihn bedroht hatte. Seine Familienmitglieder erklärten, dass Polizisten des Polizeipostens "Zentrum" in Prishtina unter Führung eines Polizisten mit Vornamen Vlada seine Wohnung durchsucht und ihm eine Vorladung aufs Kommissariat für den 12. Dezember überreicht hatten. Am vereinbarten Termin hatte er sich dorthin begeben, und man verlangte von ihm, er solle spätestens am 14. Dezember ein Gewehr und einen Revolver mitbringen. Die Polizisten drohten, ihn zu töten, wenn er diese beiden Waffen nicht aushändigen würde. Krasniqi ging am abgesprochenen Tag nicht auf den Polizeiposten, denn er hatte keinerlei Waffen zu übergeben. Unter dem Druck und der Angst vor Bestrafung wählte er den Freitod. Krasniqi war von Beruf Monteur, musste jedoch in den letzten Jahren allein von humanitärer Hilfe Leben.

ERNEUT TOD NACH FOLTER

Am 4. Juni 1996 verstarb in seinem Haus Isuf Musë Kabashi (37) aus Gjurakoc. Seine Familienangehörigen teilten mit, dass er in schlechter Verfassung nach Hause gebracht worden sei. In seinen letzten Lebensaugenblicken habe er ausgesagt, er sei von der serbischen Polizei geschlagen worden. Er wurde bewusstlos vor der Tür des Kommissariats liegengelassen, dann ins Krankenhaus von Mitrovicë, später in jenes von Prishtina gebracht. Die Polizei hat sich mehrmals über seinen Gesundheitszustand erkundigt. Nach brutalen Folterungen seitens der serbischen Polizei am 19. und 20. Dezember 1996 starb am 2. Januar 1997 Hafer Hajdari (53). Er war acht Stunden lang ununterbrochen unter dem Vorwand gefoltert worden, dass sein Sohn Bekim Hajdari, der sich seit langem ausser Landes befand, 1992 einen serbischen Jäger aus Berçan getötet habe. Die serbische Polizei erschoss am 31. Januar 1997 drei Albaner, die mit einem Auto aus Vushtrri nach Prishtina zurückkehrten. Die Getöteten wurden von der Polizei in die chirurgische Klinik von Prishtina und später in die Leichenhalle des Krankenhauses, das von Serben verwaltet wird, gebracht. Die Getöteten sind Hakif Zejnullahu (34) aus Lladofc, Zahir Pajaziti (34) aus Turiçica, und Edmond Hoxha (21) aus Junik, Student an der Juristischen Fakultät der Universität Prishtina. Am 20. Februar 1997 starb der Bergbauingenieur Besnik Restelica ('67) aus Podujeva an den Folgen von Misshandlungen der serbischen Polizei von Prishtina. Er wurde am 30. Januar inhaftiert. Gegen ihn waren Ermittlungen im Gange, weil er Angehöriger der "Befreiungsarmee von Kosova" sein sollte. Rechtsanwalt Fazli Balaj, Verteidiger des verstorbenen Besnik Restelica, erklärte am Sonntag, dass er am 19. und 20. Februar mit seinem Mandanten keinen Kontakt aufnehmen konnte, obwohl er die Genehmigung des Untersuchungsrichters hatte.

TOD VON JONUZ ZENELI

Am 18. Oktober 1997 starb im Belgrader Gefängniskrankenhaus Januz Zeneli (55) aus Ballaban, Vater von sechs Kindern. Das Opfer war wegen der Folterungen, die die serbischen Untersuchungsbehörden in Prishtina an ihm verübt hatten, zur Behandlung dorthin gebracht worden. Januz Zeneli war während des Untersuchungsverfahrens schwer misshandelt worden, um belastende Aussagen aus ihm herauszupressen.

SERBISCHE STREITKRÄFTE BOMBARDIEREN DRENICA

Prishtina, 1. - 10. März 1998 - Drenica, eine Region im Herzen Kosovas, wurde etwa zwei Wochen lang von der serbischen Polizei und paramilitärischen Kräften sowie von der serbischen Armee in mehreren Phasen angegriffen. Der Überfall begann am Abend des 27. Februar und wurde über das ganze Wochenende fortgesetzt. Im Dorf Likoshan begann die Aktion, setzte sich in Çirez fort und dehnte sich später auf alle Siedlungen an der Strasse Gllogoc-Likoshan-Skënderaj aus. Am Samstag und Sonntag konzentrierte sich der Einsatz auf die Dörfer Llausha und Prekaz. Die Bevölkerung, welche fast ausschließlich albanisch ist, wurde mit schwerer Artillerie und Hubschraubern angegriffen. In vielen Dörfern nahmen die serbischen Einheiten Frauen und Kinder als Geiseln und verhafteten Hunderte. In die Operation waren auch Einheiten von Arkan verwickelt. Etwa 27 Albaner wurden bei diesem Angriff getötet und Hunderte verletzt. Andere Familien mussten im Freien bleiben, da viele Häuser vollständig zerstört worden waren. Vom 2. bis 4. März gab es keine Angriffe. Die Serben zielten "nur" mit verschiedenen Waffen auf die Bevölkerung, um diese zu terrorisieren. Die zweite Phase des serbischen Angriffs auf Drenica begann in den frühen Morgenstunden des 5. März und setzte sich ununterbrochen bis zum 9. März fort. Der Angriff wurde durch starke serbische Einheiten geführt, die überwiegend der Armee angehörten und Polizeiuniformen trugen, sowie durch Arkans Paramilitärs. Die Dörfer Prekaz, Llausha, Tërrnac, Açareva wurden überfallen, Morina, Krushec, Polac, Dubofc, Lubovec, Galica, Beçiq und Krasaliq belagert. Der Angriff erfolgte von drei Seiten mit Raketen, Kanonen, Minenwerfern und Hubschraubern. Gegen Llausha und Prekaz waren die Angriffe von hoher und über alle Tage hinweg gleichbleibender Intensität. Viele bewohnte Häuser in den oben genannten Dörfern wurden dem Erdboden gleichgemacht. Den Verletzten wurde nicht gestattet, erste ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Überall lagen Tote, in den Höfen der Häuser, auf den Feldern und unter Häuserruinen. Dieser Belagerungszustand hält immer noch an, und die serbischen Einheiten und Scharfschützen sind weiterhin angriffsbereit und zielen auf jeden, der sich bewegt, und sei es auch nur innerhalb des eigenen Hauses. Durch diese Überfälle beläuft sich die Zahl der Opfer bisher auf 90. Zu den 90 Opfern gehören 15 Kinder, darunter 2 erfrorene Säuglinge, 16 Frauen, sowie 7 Menschen im Alter von 64 bis 94 Jahren. Alle Leichen waren verstümmelt, verbrannt und schwer misshandelt worden, ohne Gliedmaßen, und 10 von ihnen konnten infolge von Verstümmelung nicht identifiziert werden. Die Familien verlangten internationale Fachleute für die Autopsie der Leichen. Die serbischen Einheiten beerdigten jedoch die meisten, ohne dass die Familien sie identifizieren konnten. Angehörige exhumierten die Toten, identifizierten sie und beerdigten sie erneut gemäss ihrer Tradition. Die Familie Jashari allein beklagte 38 Opfer, darunter viele Frauen und Kinder. Dem Rat für die Verteidigung der Menschen- und Freiheitsrechte sind die Namen von 11 Vermissten bekannt, sicher aber ist deren Zahl höher. Überlebende des Massakers von Drenica bezeugen, daß serbische Soldaten Mütter und Frauen zwangen, der Hinrichtung und Ermordung ihrer Kinder und Ehemänner beizuwohnen. Die elfjährige Besarta Jashari wurde beim Verlassen des Hauses gezwungen, zwischen den Leichen ihrer Brüder - der älteste 20, der jüngste 12 Jahre alt -, ihrer Schwestern und ihrer Mutter hindurchzugehen. Die 70jährige Bahtije Jashari musste die Hinrichtung ihres Sohnes miterleben: " Sie befahlen ihm, sich auf den Boden zu legen, sie luden die Kalaschnikows vor unseren Augen und schossen, einer von vorn, der andere von hinten, mit einem Kugelhagel auf ihn." Weiter wird berichtet, die serbischen Soldaten hätten ihre Gesichter bemalt und ein Teil von ihnen an den Armen das Tigerzeichen, das Erkennungszeichen der Arkan - Banden, getragen. Beweise und Tatsachen dafür, dass in Drenica Völkermord begangen wurde, sind ausreichend; das Belgrader Regime jedoch verwehrt Fachleuten nach wie vor den Zugang in dieser Region.

KAPITEL - IX -

BESORGTE MENSCHENRECHTORGANISATIONEN UND JOURNALISTEN

Amnesty International

"Amnesty International ist besorgt - unsere Organisation hat soeben einen weiteren niederschmetternden Bericht über die Situation im Kosova publiziert. Tausende Menschen albanischer Abstammung sind in dieser Provinz in den vergangenen Jahren Opfer von Polizeigewalt geworden. Ende Juli dieses Jahres (1994) wurden innerhalb von zwei Wochen fünf Menschen durch Polizei oder Armee getötet, darunter ein sechsjähriger Knabe. In mindestens zwei Fällen waren die Opfer unbewaffnet und bedrohten die Sicherheitskräfte in keiner Weise. Kosova-albanische Menschenrechtsaktivisten wurden von den mehrheitlich serbischen Sicherheitskräften unzählige Male mit Knüppelhieben, Faustschlägen und Fusstritten traktiert. Die Ordnungskräfte misshandeln unterschiedslos junge oder alte Menschen, Frauen und Kinder - aus dem einzigen Grund, dass sie albanischer Herkunft sind". (Alain Bovard, Flüchtlingsdienst AI Schweiz, "Amnesty Magazin" - 11. 1994)"

DIE POLIZEI, DEIN FEIND UND MÖRDER

"Amnesty Magazin" - 11. 1994 "Dass in Ex-Jugoslawien Krieg herrscht, ist bekannt. Die Augen der Welt sind aber auf Bosnien gerichtet - sie scheinen den Blick für die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in der "jugoslawischen" Provinz Kosova verloren zu haben. Dort lebt die albanisch-stämmige Bevölkerung in dauernder Angst vor der Polizei. Dazu kommt die drohende Einberufung in die serbische Armee. Dies erklärt den hohen Anteil an jungen Männern, die in der Schweiz und anderen Ländern Asyl suchen."

Menschenrechtsorganisationen erhalten keine Visa

"Mehrere offizielle und private Delegationen, die Kosova zur Beobachtung der Menschenrechte besuchten, stellen schwere Vergehen gegen internationale Konventionen fest. Menschenrechtsorganisationen, darunter Amnesty International, erhalten keine Visa. Sollen die Menschenrechtsverletzungen nun einfach unter Ausschluss der Öffentlichkeit weitergehen?

o Jeder und jede im Kosova kann Opfer von Polizeigewalt werden - es genügt, albanischer Herkunft zu sein.

o Willkür und Polizeigewalt richten sich vorwiegend gegen die albanisch-stämmige Bevölkerung." Dunja Keller, Sabine Becker-Braidwood, "Amnesty Magazin" Bern 11. 1994

SERBEN PRODUZIEREN SARIN

Das britische Dokumentarprogramm "World in action" hat Daten gesammelt, denen zufolge "die jugoslawische Volksarmee" das Gas Sarin in der nördlich von Mostar liegenden Militärfabrik Potoc, produziert hat. Im Frühling 1990 wurden zirka 7.000 albanische Kinder im Kosova in Schulen und Krippen mit toxischen Substanzen vergiftet. Albanische Ärzte, ausländische Experten und der frühere Präsident des ex-jugoslawischen Staatspräsidiums, Stipe Mesic, hatten damals erklärt, dass eine toxische Substanz verwendet worden sei. Die Vermutung, dass dabei militärische toxische Substanzen verwendet wurden, wurde auch vom Schwedischen Militärinstitut (SNDE) sowie durch die Pariser Konferenz über chemische und biologische Kriegführung (Januar 1993) gestützt. Auch Experte A. Heyndrickx enthüllte diese massive Vergiftung albanischer Kinder in Kosova in einer Pressemitteilung.

SERBISCHE ÄRZTE: REDUKTION DER GEBURTENRATE !

In einem Artikel der niederländischen Zeitung "Troun" vom 9. Juli 1994 ist zu lesen: "Die serbischen Ärzte glauben, dass die Albaner in Kosova zu viele Kinder machen. Daher wollen sie in Zukunft entscheiden, wieviele albanische Babies sterben oder leben sollen. Einer Anzahl albanischer Frauen wird per Zwangsmassnahme die Gebärmutter entfernt. In einer Sendung des serbischen Fernsehens in Prishtina sprach der Arzt Aleksander Andrijevic, Chef der Endbindungsklinik von Prishtina, von der Unzufriedenheit seiner Kollegen wegen der hohen Geburtenrate unter Albanern. Er sagte: "Um Serbien zu retten, muss die albanische Babywelle gestoppt werden, selbst wenn man dafür Verbrechen begehen muss. Das Projekt legt fest, wieviele Babies am Leben gelassen werden und wieviele sterben müssen. Gleichzeitig muß man die albanischen Frauen sterilisieren und von der serbischen Regierung die Unterstützung dieses Projektes einfordern." Wiliam Hauer, Vertreter der Organisation "Press Now", besuchte vor einiger Zeit das Krankenhaus von Prishtina; er erklärte, es werde nur ein Drittel des Spitals betrieben. Also Einschränkung der medizinischen Versorgung. Jan Jansen von der Amsterdamer Abteilung von Amnesty International bestätigte: "Es würde mich nicht überraschen, wenn die serbischen Ärzte dieses Projekt verwirklichen. Alles ist möglich. Ich habe gehört, daß albanische Frauen, die für einen alltäglichen Eingriff ins Krankenhaus gegangen waren, ohne Gebärmutter wieder herauskamen."

KOSOVAS STILLE HÄUSER DER TOTEN

Prekaz, Kosova. Alles, was die 11 Jahre alte Besarta Jashari wusste, war, dass die Artilleriegeschosse einzuschlagen aufgehört hatten. Stundenlang hatte der unerträgliche Lärm angehalten. Sie kauerte noch unter dem Tisch, auf welchem ihre Mutter immer das Brot zubereitete, als die Zimmerdecke einstürzte. Jetzt war es die Stille, die grauenvoll war. Durch den erstickenden Rauch und Staub rief sie nach ihrer Mutter. Während sie weinend durch die Trümmer kroch, fand sie ihre Schwestern Lirie (10), Fatimja (8) und die sieben Jahre alte Blerina. Sie versuchte die blutüberströmten Geschwister wach zu rütteln, bis sie merkte, dass diese tot waren. Dann sah Besarta ihre Brüder: Selvet (20), Afete (17), Besim (14) und Blerim (12). Sie schienen stets stark zu sein. Jetzt waren sie alle tot. Schließlich sah sie ihre Mutter, Feride, die Besarta immer aufgemuntert hatte: auch sie war tot. Nie wieder wird sie auf den Ruf "Nënë" (Mutter) ihrer Töchter antworten. Die Beschussunterbrechungen waren zu kurz, um nach allen zu sehen. Besarta hat zwei Nächte allein mit ihrer toten Familie verbracht. Wieder und wieder schlugen serbischen Raketen in das weissgestrichene Haus mit dem roten Ziegeldach, das einst ihr Heim war. Besarta, eine aufgeweckte, fröhliche Schülerin, war die einzige Überlebende eines Angriffes, welcher sich als ein kalkuliertes, kaltblütiges Massaker entpuppte.... Die Jasharis hatten nicht die geringste Chance. Wenn sie das Haus verliessen, waren sie Gewehren ausgeliefert, wenn sie drin blieben, den Bomben. Das letzte, woran sich Besarta über ihre Familie noch erinnern kann, ist, dass ihr Onkel Adem albanische Volkslieder sang, um den Lärm der Granaten zu übertönen und damit ihren Mut aufrechtzuerhalten. Besarta kann sich an den Moment erinnern, als ihr Onkel aufhörte zu singen. Danach war 26 Stunden lang nur noch der Lärm der Bomben zu hören,bis die serbische Polizei das Haus einnahm und in jedem Raum eine Handgranate warf. "Ich hörte sie in unser Zimmer kommen", erzählte sie ihrem Onkel Hilmi. "Ich versuchte mich tot zu stellen, aber ein Soldat legte seine Hand auf meine Brust und merkte, daß ich noch am Leben war". Blutüberströmt musste sie, umgeben von Serben, über die Körper ihrer Familie steigen, um das Zimmer zu verlassen. Sie wurde in einen Militärstützpunkt oberhalb ihres Hauses gebracht und dort drei Stunden lang verhört. "Sie fragten nach meinem Vater und nach meinem Onkel", sagte sie. "Ich habe ihnen nichts erzählt, nichts". Die Serben warfen sie an einer Strasse in Mitrovica hinaus, und sie rannte zum Haus eines Schulfreundes. Ohne dass Besarta davon gewußt hat, waren letzte Woche die Leichen ihres Vaters, ihrer Mutter, ihrer Brüder, ihrer Schwestern, ihres Onkels, ihrer Tante und alle ihrer Cousinen auf einem Busbahnhof der Polizei in einer Linie aufgereiht. Als niemand von der Familie auftauchte, um die Toten zu identifizieren, und die Freunde darauf bestanden, die Leichen zu untersuchen, warfen die Serben diese in ein Loch, das sie gegenüber den Überresten der Häuser gegraben hatten. Die Särge ragten unordentlich aus der Erde. In der Nacht kamen die überlebenden Dorfbewohner zurück und brachten die Arbeit respektvoll zu Ende. Alles, was von der Familie Besarta übrigblieb, war ein Haufen schwarzer Müllsäcke an der Bushaltestelle, je mit einer Nummer versehen und jeder gefüllt mit den blutigen Kleidern, welche sie im Sterben getragen hatten. ("The Sunday Times" , London, 15. März 1998 )

II . TEIL

MEINE PERSÖNLICHE LEIDENSGESCHICHTE

KAPITEL I

ZUR HÖLLE UND ZURÜCK

Erinnerungen

DIE DANJOLLEN SIND AM LEBEN

(Erschienen in der Zeitschrift "Republika", Ljubljana, August 1990)

In diesen Tagen wurde vom Volkstheater in Prishtina das Stück "Der Tod kommt mir von solchen Augen" des Autors Rexhep Qosja gespielt. Nicht nur in Kosova und in Ljubljana (Slovenien), sondern auch in einigen Städten der Schweiz wurde es aufgeführt. Das hat in mir verschiedene Assoziationen und Erinnerungen geweckt und mich motiviert, diesen Text zu schreiben. Am Schluß konnte ich mit den Schauspielern Avdush Hasani und Skender Tafaj, welche die Hauptrollen spielten, sprechen. Sie fragten mich: " Sah unser Danjoll ("Danjoll" ist eine zentrale Person im Drama "Der Tod kommt mir von solchen Augen" von Rexhep Qosja, der die Folterer der kommunistischen Geheimpolizei Serbiens personifiziert) auf der Bühne gleich oder ähnlich aus, wie die Danjolle, mit denen Sie es zu tun hatten ?" Ich antwortete: " Ja, sehr sogar. Nur, Sie haben Ihren Danjoll begraben. Dabei leben sie immer noch. Tag und Nacht. Ich weiss, wovon ich spreche und kenne sie. Darum mache ich Ihnen einen Vorschlag. Bei Ihren weiteren Aufführungen sollte der Danjoll nicht begraben werden, sondern lebendig bleiben." "Natürlich haben Sie recht. Aber wir mussten befürchten, dass wir das Stück mit Ihrer Version gar nicht hätten aufführen dürfen." Und ich kann hinzufügen, dass bei allen folgenden Vorstellungen Danjoll lebendig blieb - wie in unserem realen Alltag. Jedermann sollte über das Wirken dieser "Männer" , die für den Geheimdienst (UDB) gearbeitet haben, im Bilde sein. Solche Greueltaten kommen nicht einmal in Kriminalromanen vor. Es war mein "Schicksal", diese Kreaturen, gleich wie meine Kameraden, in den Gefängnissen von Prishtina, Gjilan, Beograd und Zrenjanin persönlich kennenzulernen. Wer politische Gefangenschaft erlebt habt, kennt die Folgen und weiss, was es bedeutet, aus andern Zellen die Stimmen von Mitgefangenen während der physischen Tortur mit anhören zu müssen. Du kannst ihnen nicht helfen, höchstens mit nassen Taschentüchern etwas ihre Schmerzen lindern. Ich werde nur einen kleinen Teil von dem beschreiben, was ich im Gjilan - Gefängnis gesehen und erlebt habe. Ich hatte zwar mehr mit den Danjollen in Prishtina zu tun wie mit Jakup Hoti, Ujup Kamerolli, Qazim Llalloshi, Lorenz Selmani, Ahmet Delia, Bashkim und Xhafer. Aber mein persönliches Leiden, meine Schmerzen waren im Vergleich mit jenen, die ich bei meinen Genossen in Zelle Nr. 17 in Gjilan mitbekam, wesentlich geringer. Oft wenn mir diese Szenen wieder in den Sinn kommen, überlege ich mir, dass das alles gerächt werden müsste. Aber wie? Erstens, denke ich, sollten wir die Namen dieser Kreaturen in der Öffentlichkeit bekannt machen. Die Umgebung muss wissen, daß sich in unserem Lebensraum Leute bewegen, die den Namen "Homo sapiens" nicht verdienen. Frühling 1983. Meine "Wohnung", die Zelle Nr. 17 des Gefängnisses in Gjilan: Sie befindet sich im Keller. Das Fenster ist fast ganz von Eisenblech zugedeckt; draussen der sogenannte Spazierplatz. Kaum Luft, kaum Sonnenstrahlen. Nahe der sehr hohen Mauern des Spazierplatzes befindet sich das Gebäude der UDB (Serbische Geheimpolizei, ähnlich wie die STASI in der Ex-DDR). Gefängniswärter Zijadin, der sich "Komanir" nannte, war in diesen Tagen sehr aktiv, hatte alle Hände voll zu tun, gleich wie die anderen "drugari" (serbokr. Genossen). Die Gefängniswärter erlaubten uns nicht, sie auf albanisch, mit "Gardian" anzusprechen. Sie verlangten das serbokroatische "Komanir". Die Armen dachten, damit seien sie beim Direktor Zarko besser angeschrieben. Das Gebäude der UDB war voll von neuen Verhafteten. Die Gefängniswärter Momcila aus Kololec (Gemeinde Kamenica), Milutin Arsic aus Gjilan und Selim Brosha hatten sehr viel "Arbeit". Eines Nachmittags hörten wir Schreie und dann zweimal eindringlich: "Nein ! Nein ! ". Gleich danach vernahmen wir das Zersplittern von Fensterglas und den Aufprall zwei Stockwerke tiefer. Nach ein paar Tagen erfuhren wir, dass die Geheimpolizei Salih Malaj, einen von vielen politischen Gefangenen, voller Wut aus dem Fenster geworfen hatte. Zu Salihs Glück fiel er auf ein parkiertes Auto, was ihm das Leben gerettet hat. Wir anderen Gefangen haben sofort mit Hungerstreik protestiert. Die "Komaniren" sagten uns, er sei selber hinaus gesprungen. Welch eine Ironie !! Salih soll eigens von Hogosht hierher gekommen sein, weil er keinen andern Platz gefunden hat, als im Büro von Momcilo Selbstmord zu begehen !!! Diese ganze Hölle stand unter der Regie der Kollaborateure Selim Broshaj und Ali Vllasi, hohen Offizieren der UDB. Auch heute noch sind Selim, Momcilo, Zarko ... frei und tauchen in Kamenicë und in ganz Kosova auf, wo sie wollen. Sie grüssen und werden gegrüsst, lachen und denken wohl, dass alles, was sie getan haben vergessen sei. Aber Bürger von Kamenicë, Gjilan, von ganz Kosova, ich rufe euch auf, diesen Danjollen direkt in die Augen zu schauen. Ihr werdet sehen, dass sie schmutzige Augen haben. Ich weiss nicht, wie die das schaffen, dass sie auf dem Boden von Kosova noch schlafen können . Aus unserer Zelle holten die Danjollen Sabri Sherifi aus Petroc, einen Arbeiter der Batteriefabrik in Gjilan, erneut in die Verhörzelle. Er war schon einmal durch diese Hölle gegangen und zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er ein Flugblatt verfasst und weiterverteilt hatte. Nach dem Gesetz kann, wer sich mündlich oder schriftlich gegen den Staat und dessen Interesse äussert, mit Gefängnis bis zu 10 Jahren verurteilt werden. Gegen Sabri wurde jetzt die Untersuchung wieder von Anfang an aufgenommen. Im Justizwesen von Gjilan, bzw. von ganz Jugoslawien herrscht das Gesetz des Dschungels . So wurde Sabri wieder gefoltert, und als die Gefängniswärter ihn zurück brachten, musste er unter beiden Schultern gestützt werden. Seine Füsse waren geschwollen, ebenso das Gesicht. Nach ein paar Tagen auch der Kopf. Sein Körper bekam langsam eine andere Farbe, rotschwarz, die Folge von Blutergüssen. Bis sie ihn jeweils zurückführten, gingen wir wie die Irren auf und ab, hin und her. Wenn sie dann kamen und ihn ins Zimmer warfen, legten wir ihn auf eine alte Matratze und behandelten die Wunden mit nassen Tüchern und Strümpfen, um seine Schmerzen etwas zu mildern. Manchmal fragten wir ihn nach Namen der Folterknechte: Milutin Arsic, Momcila, Ramadan Sermaxhaj, Daut Morina und Sinan Rexhepi, welcher zur Folter çifteli, ein Musikinstrument, spielte. Naim Salihu forderte mich auf: "Shefqet, du musst alles in Erinnerung behalten, und wenn du einmal herauskommst, es anderen erzählen ! Die Leute müssen wissen, was für Bestien unser Boden trägt, was hier mit den Gefangenen geschieht." Naim Salihu wurde wegen politischer Tätigkeit mit 6 Jahren Gefängnis bestraft. Heute ist er anerkannter Flüchtling in St. Gallen in der Schweiz. Alle Einzelzellen waren voll besetzt. Dort litten junge Albaner, die für die Kosova-Freiheit gekämpft und sich in politischen Untergrundorganisationen für die Republik engagierten haben, allein. Wir versuchten mit den anderen Zellen Kontakt aufzunehmen. Das war sehr schwierig und auch sehr gefährlich. Einige von uns blieben bis spät in die Nacht hinein wach und informierten uns durch die Fenster, wer neu und in welches Zimmer gebracht wurde. Auch versuchten wir zu helfen. Es war sehr wichtig, Informationen auszutauschen. Aber auch die "Komaniren" wie Zijadin, der schwarze Ahmet, Tasic blieben wach. Sie verkrochen sich überall in den Gängen, draussen vor den Fenstern. Information bedeutete für uns sehr viel. Durch eine Information konnten wir jemanden, der noch draußen war, retten. Eines Nachts bekamen wir von Zelle 13 den Auftrag, etwas nach Nr. 11 weiterzuleiten: " Sagen Sie bitte Sadri, sie hätten herausgefunden, dass er 15 Exemplare von "Zëri i Kosovës" bekommen habe, dass er der Verfasser des Flugblatts "Shqiptarë" (Albaner) sei und 50 Exemplare vervielfacht und ausgeteilt habe". Zelle 11 lag über der unseren. Dreimal Klopfen an die Zellendecke Richtung Fenster war das Zeichen, dass die oben einen Faden zu uns herunterliessen. So kam diese Information einen Augenblick später in Zelle 11. Wir waren so froh ! Eines Abends wurde die Türe mit grossem Krach geöffnet. "Komanir" Shabia und "Komanir" Shyqa brachten einen Neuen herein, den sie an beiden Schultern festhielten. Er konnte kaum stehen. Mit noch mehr Krach schlossen sie die Türe wieder zu .... Wir legten den Jungen auf eine Matratze am Boden, damit er sich ein bisschen ausruhen konnte. Er hiess Sadri Ramabaja, Student für albanische Literatur und Sprache an der Universität von Prishtina. Milutin Arsic mit Ali Vllasi und Daut Morina hatten die Untersuchung geführt. Sie hatten Sadri aus Zelle 11 geholt, wo auch Prof. Zenun Gjocaj war, mit dem Ziel, ihn einzuschüchtern. Bei uns war auch Sabri Sherifi, den sie täglich holten. Die Sadisten glaubten, ihr "Anschauungsunterricht" würde die beiden zum Aufgeben bringen, sie veranlassen, Namen zu nennen! Aber das Gegenteil passierte. Die beiden gaben einander Mut und Kraft, nicht aufzugeben. Milutin Arsic habe gesagt " er sei schon lange genug im Zimmer von Professor Gjocaj gesessen und dorthin würden sie weiterhin noch andere neue Häftlinge schicken. Der Professor solle sehen, was sie mit den Studenten machten, die so von ihm oder seinen Kollegen erzogen worden seien." erzählte Sadri uns voller Wut. Und weiter: "Es hat mir für den Professor sehr leid getan, als ich bemerkte, wieviel Mitleid unsere Wunden bei ihm verursachten. Er fluchte und versuchte, mir irgendwie zu helfen. Gab mir sein Bett und beobachtete mich die ganze Nacht lang." In unserer Zelle hatten wir also zwei Jungen, die täglich von Sadisten behandelt wurden: Sabri Sherifi, der zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, und Sadri Ramabaja. Wenn sie den einen brachten, nahmen sie den anderen mit; manchmal auch beide gleichzeitig. So lebten die Sadisten in ihrem Büro ihre tierische Wut an den Körpern dieser beiden jungen Leute aus. Sadri konnte seine Schuhe nicht mehr anziehen. Ich habe ihm meine gegeben, Grösse 44. Doch auch diese waren zu klein für seine geschwollenen Füße!! Während des Tages hatten wir 10 Minuten Zeit, um etwas frische Luft zu schnappen, auf diesem viereckigen Spazierplatz, der mit einer sehr hohen Mauer eingezäunt war. Die Mauer weckte bei mir Assoziationen zu Dantes Höllenkreisen. Die gefolterten Genossen stützen wir unter den Schultern. Oben von der Wächterzelle aus wurde jede unserer Bewegungen genau beobachtet, nicht von zwei sondern von vier Augen. Der "Komanir" Zijadini, der Leiter des Gefängnisses, ein Zarko, wollte an uns vorbei so "per Zufall " hineingehen, nun hielt er an und sagte zu uns mit voller und offener Ironie : " Sta vam je momci ? Medjusobno se tucete ? Takvi ste vi albanci !" (Was ist mit Euren Jungen ? Sie schlagen sich gegenseitig? So sind die Albaner!). Während dieser Zeit war Zijadin stehengeblieben und sah so hinauf, als wollte er seinem Leiter sagen " Bitte schön, zu ihrer Verfügung !". Ärztliche Hilfe für Genossen kam nicht in Frage. Die Gefängnisbehörden, die Leute von UDB und vom Bezirksgericht dachten, schon unsere Hilfe mit nassen Lumpen sei zu viel, wenn wir den Körper eines Gefolterten mit nassen Wolldecken umwickelten. Mit Wolldecken, die diesen Namen kaum verdienten. Und wie sie Freude hatten, wenn sie unsere Genossen so sahen. Besonders, wenn jemand von uns die Kraft nicht mehr hatte den Löffel bis zum Mund zu führen! Das war eine Freude für diese Sadisten ! Sie dachten, so würden wir aufgeben und um Mitleid bitten! Aber diesen Wunsch erfüllten wir ihnen niemals. Eines Abends brachten die Danjollen unsere beiden Genossen Sabri und Sadri nach oben. In der Zelle herrschte Bestürzung über ihren Gesundheitszustand. Die Wunden von Fäusten, Peitschen und anderen harten Gegenständen waren offen und schwarz-rot geworden. Wir wussten, daß die Schmerzen schrecklich sein mussten. Später erzählte Sadri, was sie mit ihm angestellt hatten: " Sie verlangten 15 Opfer, jene 15 Namen von Leuten, denen ich ein Exemplar von "Zëri i Kosovës" gegeben und die 50 Namen von Familienoberhäuptern, an die ich das Flugblatt weitergereicht habe. Weiter verlangten sie von mir Namen von der Organisation, der Partei, das Programm und anderes, von dem ich keine Ahnung hatte. Ali Vllasi hielt mir vor: " Du machst mir meine Nerven kaputt, versuchst, etwas zu verstecken, Dinge, von denen wir Kenntnisse, Beweise haben. Aber du wirst singen wie eine Nachtigall!!" Dann griff er mich an, traktierte mich mit Fußtritten und Fäusten. Nach ihm kamen die andern, zuvorderst und am schnellsten Momcila, schlugen zu, bis ich bewusstlos wurde. Als ich wieder zu mir kam, sagten Ali und Momcila "So leicht stirbt man nicht. Du wirst es weiterhin mit uns zu tun haben." Ich zitterte. Daut übergoss mich erneut mit Wasser. Dann kam Sinan Rexhepi und begann mit Wortspielen: "Langsam Genosse, Sadri ist ein Kulturmensch, nicht nur zukünftiger Politiker, er studiert Literatur und albanische Sprache !" Dann begann er in parodistischer Form ein Gedicht von Migjeni zu rezitieren, schliesslich fasste er mich am Hals, hob mich hoch. Momcila und Daut griffen wieder zur Peitsche und Sinan Rexhepi begann mit Elektroschock, zuerst am Gesicht, dann an den Achseln, am Hals, überall ... Die Schmerzen waren unerträglich ... ich konnte mich nicht mehr kontrollieren, schrie ... Darauf stopften sie mir Taschentücher in den Mund, warfen mich auf eine Wolldecke und schlugen weiter zu mit Fußtritten und der Peitsche. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte. Vermutlich war ich wieder bewusstlos ... " Danach gab es für Sadri eine kurze Pause, aber nur ein paar Tage lang. Und wieder dieselbe "Behandlung", bis er die Anklageschrift bekam. Die Tortur brachte Sabri Sherifi noch andere schwere Verletzungen: einen ausgerenkten Kiefer und ein stark beschädigtes linkes Ohr. Als ich frei war, traf ich ihn dann in Prishtina. Ich konnte ihn fast nicht mehr wiedererkennen ! Er erzählte mir, dass er weiterhin Schwierigkeiten mit dem Ohr habe und sich täglich beim Geheimdienst in Kamenicë melden müsse. Deswegen habe er das Haus verkauft, selbstverständlich weit unter dem angemessenen Preis, und sei mit der ganzen Familie nach Prishtina umgesiedelt. Sadri Ramabaja musste sich nach der Entlassung aus dem Gefängnis verschiedenen ärztlichen Kontrollen unterziehen. Dabei wurden Rippenverletzungen festgestellt. Die Diagnose in der Schweiz lautete auf Lumbalvertebrales Syndrom. Über Rheuma, Bronchitis brauchen wir nicht viel zu sagen. Es sind typische Folgekrankheiten für die Insassen von Untersuchungsgefängnissen. Auch nachdem Sadri " frei " war, wurde er von UDB nie in Ruhe gelassen. So durfte er seine Studien nicht beenden. Als ein neuer Prozess gegen ihn angestrengt wurde, flüchtete er. Es fällt mir schwer, in solchen sadistischen Kreaturen noch Menschen zu erkennen. An dieser Stelle erinnere ich mich an die Gedanken eines anderen politischen Gefangenen, mit dem ich zusammen im Gefängnis in Zrenjanin war. "Als die Welt geschaffen wurde, wohnten der Wolf und das Lamm noch friedlich beisammen. Als der Wolf das Lamm zerreissen wollte, konnte der liebe Gott dies nicht dulden. So befahl er, dass die beiden sich in Millionen Teile von Materie im Kosmos verteilten. Aus den Teilen des Lammes wurden die Planeten, die Welt, Menschen, Pflanzen und Tiere. Aus den Wolfsteilen aber entstanden die KPJ (Kommunistischer Partei Jugoslawiens), dann die Offiziere, die Polizeibehörde (UDB) ... . Sie verfolgen mich im Schlaf, wenn ich träume ...." Seine Vision gab die Realität gut wieder. Wir scheinen wirklich in einer Gegend der Welt geboren zu sein, in der die schlimmsten Instinkte in "Menschen" versteckt wurden! Trotz allem, was die Opfer durch diese Danjollen erlitten haben, steht in ihrem Geist und ihrer Seele nicht die Rache im Vordergrund. Es gibt ein Sprichwort unseres Volkes das sagt: " Wenn der Hund dich beisst, solltest du ihm nicht das Gleiche antun". Aber den lebenden und sehr aktiven Danjollen sollte man lang und tief in die Augen schauen. Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit bemerken, was für Augen sie haben, was für eine Seele sie haben.

KAPITEL II

MEDIENBERICHTE ALS ZEUGEN

Reportage " Novi Tednik " Cele, Slowenien, Urska Selisnik 1. August 1991, s.17

"EHESCHLIESSUNG VON SEPARATISTEN IM QUADRAT "

Ein wesentlicher Teil des Lebens von Shefqet besteht aus politischer Tätigkeit. Schon als Minderjähriger hat er sich mit Politik und Gewalt auseinandergesetzt. " Kurz nachdem ich vom Gefängnis zurück nach Hause kam, musste ich Kosova verlassen, weil es dort fast unmöglich war zu leben. 1988 kam ich nach Ljubljana. Dort wurde ich beim Rat für Menschenrechtsschutz gut aufgenomen. Ich erzählte und schilderte ihnen meinen Fall, und engagierte mich in der Folge in verschiedenen albanischen Vereinen in Slowenien. Inzwischen lebe ich in Nazarje, wo ich eine Stelle gefunden habe. Zuvor habe ich auch kurz in der Schweiz und Deutschland gearbeitet, bevor ich jetzt zusammen mit meiner Gattin wieder zurück nach Slowenien gekommen bin ". Drei Monate sind es her, seit das Ehepaar seine Hochzeit in ihrem Wohnort Llapashticë e Epërme gefeiert hat. "Gleich danach gab es neue Schwierigkeiten. Weil ich in Slowenien gelebt hatte, galt ich beim Geheimdienst als Separatist im Quadrat: einmal als Albaner und zweitens als Slowene. Meine Frau stammt aus einer Familie, deren Mitglieder vor 9 Jahren von der jugoslawischen Geheimpolizei in Deutschland getötet worden sind. Sie und ihre engere Familie sind immer als antijugoslawisch eingestuft worden. Ich wurde auch als slowenischer "Spion" angeklagt. Das war ein zusätzlicher Grund, weswegen meine Frau keinen Pass bekommen konnte". Die Cakiqis haben dann eine offizielle Eheschließung vorbereitet. Und zwar am 20 Juli in Nazarje. " Auch wenn es nicht die eigentliche Hochzeit war, wurde es für uns etwas Besonderes und Warmherziges. Freunde waren mir sehr behilflich. Wir hatten den Eindruck, dass damit die formellen Schwierigkeiten erledigt waren. Kurz danach habe ich mich um einen Pass und ein Visum für Deutschland bemüht." Während unseres Gesprächs hat Shefqet oft seine Frau erwähnt. Das hat mich gewundert, weil ich über Albaner als Männer und ihre Einstellung zu Frauen ganz andere Vorstellungen hatte. Als ich dies gegenüber Shefqet erwähnte, wusste ich nicht, sollte ich lachen oder weinen. "Ich weiss ungefähr, was viele Slowenen über Albaner denken und was für Vorstellungen sie über uns haben. Das wundert mich nicht, weil sie ihre Informationen über unser Leben und unsere Kultur aus den serbischen Medien haben. Radio, Fernsehen, TANJUG, alle aus Belgrad, haben ein völlig entstelltes Bild über Albaner verbreitet. Wie viel wurde in diesen Jahren über uns gelogen ! Die Situation ist jetzt besser, seit slowenische Journalisten selber nach Kosova gekommen sind. Sie haben ganz anderes gesehen und gespürt. Bei uns ist das Meinungsbild über Slowenien positiv. Die Slowenen gelten als ruhige Menschen und werden als arbeitsames Volk geschätzt." Als ich den Gesprächspartner fragte ob sein Vaterland Kosova, Slowenien oder Deutschland sei, antwortete er gleich: " Ich bin ohne Vaterland, bis mein Kosova befreit wird. Nirgends habe ich Ruhe. Kosova leidet weiter unter den serbischen Okkupanten. Shefqet hat während unseres Gesprächs sehr selten Serben mit Namen erwähnt. Oft sagt er nur "sie". Seine Stimme, seine Mimik ... jedoch lassen deutlich erkennen, von was für Leuten er spricht. " Die Serben in Kosova sind die schmutzigsten Okkupanten. Sie haben unsere Institutionen aufgehoben und an sich gerissen: politische, wissenschaftliche, wirtschaftliche, soziale und gesundheitliche Institutionen. Schulen, Kindergärten, alles. Die Situation der Albaner in unvorstellbar. Nur die Solidarität hat uns gerettet. In jedem Dorf, jeder Gemeinde wurden Hilfsnetze aufgebaut. Es werden Lebensmittel, Geld und anderes, was für das Leben wichtig ist, gesammelt. Diejenigen, die mehr haben, geben anderen, die weniger haben. Alle Bergarbeiter, die am Streik in Trepça teilgenommen haben, wurden auf die Straße geworfen, sind ohne Arbeit, ohne Unterstützung. Humanitäre Vereine und unsere Gastarbeiter in Westeuropa haben Hilfe geleistet. Sie schicken die Hilfsgüter über Slowenien nach Kosova. Ich würde sagen, dass es in Kosova zwei Arten von Serben gibt. Die "raje" Serben, wie wir sie nennen, wenige nur, die aber schon lange Zeit dort leben, und die Kolonisatoren, die erst in diesem Jahrhundert zu uns gebracht wurden und sich nun als Herren des Landes fühlen, Besetzer." Während des Gesprächs mit Shefqet Cakiqi war auch seine Gattin, die 26-jähringe Zekije, dabei und schenkte uns ab und zu ein Lachen. Leider sprach sie kaum slowenisch; auch Serbisch nur schlecht. Aber sie hat noch Zeit vor sich und wenn sie es braucht, wird sie es lernen. Sie bestätigte Shefqets Äusserungen. Nur einmal hat sie widersprochen, Als ich Shefqet fragte, wieviel Kindern sie haben wollten, sagte er "Zwei Jungen und zwei Mädchen", darauf Zekija "Es sollten drei zu drei sein, soviel Kinder möchte ich haben." Ich wünsche den beiden Glück und viel Erfolg in ihrem Leben, mit vielen erfüllten Wünschen. Ein sonniger Abend in Mozirje strahlte aus ihren Gesichtern.

TRÄUME HABEN IHREN PREIS

Fortsetzung der Geschichte von den verheirateten Separatisten im Quadrat, diesmal durch die Augen von Abdusamed Cakiqi

Vor beinahe drei Jahren schrieben wir vom Leben des heute 30 jährigen Shefqet, der vor den Serben geflüchtet war. Das Gespräch damals drehte sich um den kaum beendeten Krieg zur Befreiung Sloweniens. Shefqet erzählte von den Erniedrigungen, Quälereien, Gefängnisaufenthalten... kurzum von den Alltäglichkeiten, wie sie die Kosova-Albaner erlebten. " Heute, 3 Jahre später, ist die Situation in Kosova überhaupt nicht besser geworden, " vertraute uns vor Tagen sein Bruder Abdusamed an, der auch Zuflucht in Slowenien gefunden hat. Mitte Juni läuft Abdusameds Aufenthaltsbewilligung in Slowenien ab und er hat schreckliche Angst, dass unsere Behörden ihn nach Kosova zurückschaffen, wo er vor einem halben Jahr entkommen konnte. " Auch ich werde von der serbischen Geheimpolizei beschattet. Vor Jahren habe ich Shefqet geholfen, nach Slowenien zu kommen, und sorgte für die Verbindung zwischen ihm und den Freunden in Kosova", erzählte Abdusamed. " Ich diente als eine Art Laufbursche, auch für die Freunde, von denen einige bis zu 10 Jahren Haft verurteilt worden sind. Dafür dass mein Bruder und ich gegen Serbien aktiv waren, wurden unsere Eltern ununterbrochen belästigt. Ihr Haus wurde durchsucht, Fenster, Türen und Vitrinen zusammengeschlagen. Als es mir letztes Jahr - wie durch ein Wunder - gelang zu entweichen wurde unserem Vater mit der Verhaftung gedroht, wenn seine Söhne nicht wieder auftauchen würden. Auch Anfangs dieses Jahres war die Situation unverändert: Vater und Mutter wurde gedroht, daß ihre Söhne vor der Haustür erschossen oder aufgehängt würden, damit sie dies mit eigenen Augen mit ansehen müssten." So verläuft des Leben in Kosova Tag für Tag (Aus der slowenischen Zeitung "Novi Tednik" /Neues Wochenblatt/, Erscheinungsort Celje, Nr. 23 Jahg. XLVIII, Seite 8. von 9.6.1994. -Von der Journalistin: Urska Selisnik)

Aus der Sendung "Quer - Leben live" mit Röbi Koller - SF DRS VON Freitag, 11.04.1997, 20. 30 Uhr

KOSOVA NUR EINE FLUGSTUNDE VON DER SCHWEIZ ENTFERNT

Röbi Koller: Unter welchen Umständen sind Sie verhaftet worden? Shefqet Cakiqi: Ich bin mit 18 Jahren von der serbischen Polizei verhaftet worden. Das war 1982. Ein Jahr zuvor gab es in Kosova schwere Unruhen. Es fanden große Demonstrationen statt. Die Bevölkerung verlangte mehr politische Rechte, mehr Demokratie und demonstrierte für die Unabhängigkeit Kosovas. Zusammen mit meinen Freunden habe ich mich für die Organisation dieser Proteste eingesetzt. Wir propagierten unsere Ziele schriftlich und mündlich. Nach der Verhaftung verurteilte mich ein serbisches Gericht zu einer Gefängnisstrafe von 4 Jahren. Röbi Koller: Wie hat man Sie im Gefängnis behandelt? Was waren die Foltermethoden ? Shefqet Cakiqi : Im ersten Jahr hat man mich intensiv verhört. Die Befragungen fanden unter Anwendung von Gewalt und psychischem Druck statt. Die Behörden verlangten von mir, dass ich die Namen meiner Freunde nenne, die mit mir zusammengearbeitet hatten. Zudem wollten die Beamten mich zwingen, daß ich von meinen Ideen abkehre und mit ihnen zusammenarbeite. Obwohl ich verurteilt war, habe ich die Gefängnisstrafe nicht in einem regulären Gefängnis abgesessen, sondern blieb in Untersuchungshaft. Hier konnte mich meine Familie einmal im Monat während einer halben Stunde besuchen. Zweimal täglich durften wir im Gefängnishof spazieren, zweimal im Monat Briefe nach Hause schicken. Zeitungen lesen, fernsehen und Radio hören war verboten. Röbi Koller: Wie haben Sie reagiert auf die Folter? Haben Sie kooperiert ? Shefqet Cakiqi: Ich habe versucht durchzuhalten und habe die Namen meiner Freunde, die draussen waren, nicht bekanntgegeben. Röbi Koller: Was waren das für Leute, die Sie gefoltert haben? Konnten Sie mit ihnen reden? Gab es unterschiedliche Typen ? Shefqet Cakiqi: Von den Beamten kann ich keine positiven Beispiele nennen. Was die Gefängniswärter betrifft, so gab es verschiedene Typen. Einige von ihnen haben Mitgefühl mit uns gehabt. Röbi Koller: Empfanden Sie Hass ? Shefqet Cakiqi: Als die Polizisten mich misshandelt haben, empfand ich schon Hass. Nachher versuchte ich diese Zeitspanne zu vergessen. Röbi Koller: Was war das Schlimmste? Shefqet Cakiqi: Am meisten schlug man uns auf den Kopf, die Hände und Beine. Andere Gefangene haben mir berichtet, daß sie mit Elektroschock und diversen Betäubungsmitteln misshandelt worden waren. Röbi Koller: Sind Sie heute ein anderer Mensch als vor der Gefangenschaft ? Shefqet Cakiqi: Alle meine Lebenspläne sind zunichte gemacht. Nun sehe ich keine Perspektive zur Gestaltung meines Lebensweges, denn in meiner Heimat bin ich nicht frei. Röbi Koller: Hoffen Sie, die Folter vergessen zu können? Was ist bis heute geblieben von dieser schlimmen Zeit ? Shefqet Cakiqi: Ich versuche diese Zeit zu vergessen, es gelingt mir jedoch nicht. Die Lage in meiner Heimat ändert sich nicht. In den letzten zwei Jahren wurden zwei meiner Freunde von der Polizei brutal misshandelt und sind an den Folgen gestorben. Kosova ist ein Teil Europas, nur eine Flugstunde von der Schweiz entfernt. Europa darf diese Lage nicht tolerieren. Es braucht internationale Solidarität mit der dortigen Bevölkerung. Röbi Koller: Wie kann man Ihnen hier in der Schweiz am besten helfen? Shefqet Cakiqi : Ich wünsche mir, dass die Menschen hier in der Schweiz Verständnis für die echten Flüchtlinge haben. Die meisten von ihnen sind Opfer von Gewalt und traumatisiert. Zudem sollte vielleicht die Schweiz Integrationsmassnahmen realisieren.

HUNGERSTREIK

Teil eines Interviews in der Zeitschrift "Drita" Nr. 21/ 98, veröffentlicht in Trelleborg in Schweden mit dem Titel "Für die Unabhängigkeit Kosovas" (.....)

Drita: In welchen Gefängnissen verbrachten Sie Ihre Strafe ? Was für Erinnerungen haben Sie noch von dieser Zeit ? Shefqet Cakiqi: Die Untersuchungen dauerten zweieinhalbe Monate im Gefängnis von Prishtina, neun Monate im Gefängnis von Gjilan und drei Jahre und zwei Monate im Gefängnis von Zrenjanin (Serbien). Alle diese Gefängnisse waren Untersuchungsgefängnisse mit sehr wenig Licht. Die Erinnerungen an all die Qualen betreffen nicht nur mich, sondern auch meine Mitgefangenen. Ich kann den Fall erwähnen, wo Sali Malaj, ein politischer Gefangener, von der serbischen Geheimpolizei in Gjilan zum Fenster hinausgeworfen wurde. Oder ich denke an die Schreie Sadri Ramabajas, verursacht durch Elektroschock; wir hörten sie bis ins oberste Stockwerk. Beim Hungerstreik im Gefängnis von Gjurakovcë erhielten die Gefangenen kein Wasser mehr. Als man uns von Gjilan ins Gefängnis von Zrenjanin transportierte, herrschte im Fahrzeug akuter Luftmangel und hohe Temperatur, so dass wir in Ohnmacht fielen. Aus der Zeit im Gefängnis von Zrenjanin erinnere ich mich an meine Mutter. Wir waren im Hungerstreik, als Besuchstag war. Meine Mutter hatte ich fast ein Jahr nicht mehr gesehen. Sie hatte das Pech, dass sie mich genau in dieser Zeit besuchen kam. Die Familien wussten von unserem Hungerstreik nichts. Wir wollten auch keine Besucher. Der Gefängnisdirektor brachte meine Eltern in sein Büro. Zu mir sandte er einen Wärter mit der Aufforderung, mich beim Direktor zu melden und ihm unsere Forderungen zu erklären. Als ich ins Büro kam, sah ich Mutter und Vater. Die Mutter umarmte mich und fragte : "Was ist geschehen, mein Sohn, warum willst du uns nicht treffen?" Ich konnte ihr nicht erklären, dass wir im Hungerstreik waren und keine Besucher empfingen, bevor unsere Forderungen anerkannt wurden. Ich ging aus dem Büro, ohne mich von meinem Vater und meiner Mutter zu verabschieden. Der Wärter erlaubte meiner Mutter, mich bis zum Eingang des Gefängnisses zu begleiten. Er meinte, sie würde mich dazu überreden, den Hungerstreik abzubrechen. Das aber tat sie nicht. Zu mir sagte sie: " Ich wollte dich länger sehen, doch das ist wohl nicht möglich. Du, mein Sohn, mach dir keine Sorgen und streike." So hatte der Direktor, der mich provozieren wollte, kein Glück. Der Hungerstreik dagegen war ein grosser Erfolg. Ja, und ich habe gespürt, wie sehr man Vater und Mutter liebt. (....)

KAPITEL - III -

BRIEFWECHSEL AUS DEM ASYL

Amnesty International

InternationalSecretariat,

1 Easton Street, London WC 1X 8DJ,

United Kingdom

Ref. :eur/ma

TO WHOM IT MAY CONCERN

31 March 1993

re : Shefqet Cakiqi (ethnic Albanian from Kosova province

 

Amnesty International confirms that Shefqet Cakiqi, born on 2 January 1964, was arrested on 26 October 1982 and convicted by the district court of Prishtina, together with four co-defendats (two of them minors) on 16 February 1983. Theu were found guilty on charges under Article 136, paragraph 2 of th Penal Code of the Socialist Federal Republic of Yugoslavia of "association for the purpose of hostile activity". According to press reports, the court found them guilty of writing the slogans :"Kosova - Republic" and "Free political prisoners" on walls. Shefqet Cakiqi was sentenced to six years` imprisonment. He was not accused of having used or advocated violence. On appeal to the Supreme Court of Kosova, his sentence was reduced to four years` imprisonment, and the charge against him was changed to the lighter offence of "hostile propaganda" under Article 133, paragraph 1 of the Penal Code of the Socialist Federal Republic of Yugoslavia. Shefqet Cakiqi served his sentence in Gnjilane (Kosova-province) - for the first nine months - and subsequently in the prison of Zrenjanin in Serbia. He was released on 26 October 1986. He has stated to Amnesty International that following his arrest and during investigation proceedings he was frequently beaten and otherwise ill-treated by police officers with the aim of forcing him to falsely confess to having a "hostile" organization. His statement conforms with the testimony of many other ethnic Albanians who have been arrested and investigated for political offences. Shefqet Cakiqi described his experiences in interviews published in the reputable Slovenian magazines Mladina of December 1988 and Novi Tednik of 1 August 1991, copies of which Amnesty International possesses.

Melanie Anderson

Research Department, Europe Region

%(44)(71)413 5500 Telegrams: Amnesty London WC1 Telex:28502 FAX: 956 1157

 

Schwyz, 2. März 1994

Sehr geehrter Herr Cakiqi

Sie übermitteln uns traurige Nachrichten. Wir nehmen mit Ihnen Anteil an der Verfolgung, an den Verhaftungen, an den Qualen welche auf aller Welt gerade auch wegen der Religion geschehen.

Gebe uns der Herrgott eine bessere Zukunft.

Mit bestem Dank und freundlichen Grüsssen

Kirchenrat der

Röm.-kath. Kirchgemeinde Schwyz

der Präsident

der Schreiber

Herrn Shefqet Cakiqi

Dammstr. 9 6438

Ibach

Luzern, den 8. Juni 1995

Sehr geehrter Herr Cakiqi

Vor einiger Zeit haben Sie mir einige Texte zur Situation in Kosova zugestellt. Leider komme ich erst heute dazu, Ihnen dafür herzlich zu danken. Wie Sie Bereits wissen, hat Caritas Schweiz selber eine Delegation in diese Region entsandt, um sich vor Ort ein Bild über die Situation zu machen. Gerne leite ich Ihre Texte an unseren Bericht Migration weiter, dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Alltag mit all diesen Fragen konfrontiert sind. Mit nochmaligem Dank und den besten Wünschen grüsse ich Sie freundlich.

Caritas Schweiz

Jürg Krummenacher

Direktor

Aktion der Christen für Abschaffung der Folter

Bern, den 24 November `96

Liebe Familie Cakiqi

Mit ganz großer Freude las ich Ihre Nachrichten vom 6. 11. `96. So durfte offensichtlich sich Vieles in Ihrem Leben wieder verbessern. Hoffen wir, daß auch daheim in Kosova die Situation sich bessern wird, und Sie alle eines Tages heimkehren dürfen. Augenblicklich scheint ja die Opposition gegen Milosevic höchst erfreulich (und wohl auch sehr mutig ! ) zu wachsen. Sehr gefreut hat mich auch die Nachricht, daß Dr. Frei im Therapiezentrum Ihnen, lieber Herr Cakiqi, helfen konnte und das Sie nun Deutsch und Computerschreiben lernen können. Etwas Sinnvolles zu tun zu haben, das ist für uns alle so wichtig. Ihnen allen einen guten Winter und der kleinen Alba von Herzen gute Gesundheit und HOFFENTLICH ein Leben in Frieden !

S. Zbären - Lüthi

Schweizerisches Rotes Kreuz

Herr Shefqet Cakiqi

Acherli 25

6423 Seewen Bern,

18. April 1997

Sehr geehrter Herr Cakiqi

Für Ihren Mut und die Bereitschaft, an der Fernsehsendung "Quer" teilzunehmen, danken wir Ihnen ganz herzlich. Verschiedene Menschen haben uns nach der Sendung gesagt, daß sie gar nicht gewußt hatten, welche verheerenden Auswirkungen, Folter, Krieg und Gefängnis für die Betroffenen haben; was Sie erlebt haben, sei ihnen sehr nahe gegangen. Solche Reaktionen bestätigen uns, dass es ganz wichtig ist, wenn viele Menschen sehen, hören und wissen, daß es solche Leiden gibt, aber auch, was Betroffene dazu sagen und wünschen.

Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute.

Mit freundlichen Grüssen

Schweizerisches Rotes Kreuz

Dr.Conrad Frey

Dorothee Holzegger

 

 

Schweizer Fernsehen DRS

Herrn Shefqet Cakiqi

Acherli 25

6423 Seewen

Betrifft: Sendung Quer - Leben live mit Röbi Koller vom 11.04.97

Im Namen von Frau Pierce, der Redaktion QUER und des Moderators Röbi Koller möchte ich Ihnen recht herzlich danken, daß Sie zu uns ins Studio gekommen sind. Es haben 688.000 Zuschauerinnen und Zuschauer die Sendung verfolgt. Das Thema "Folter" ist eine delikate Sache, und wir hoffen, dass wir mit unserer Sendung etwas bewegen konnten. Sie haben mit Ihren Schilderungen bestimmt zum guten Gelingen der Sendung beigetragen. Wir hoffen, daß Sie sich bei uns wohl gefühlt haben.

Wir wünschen Ihnen alles Gute und grüssen Sie freundlich.

SCHWEIZER FERNSEHEN DRS

Redaktion QUER

Lilo Huguenin

Produktionsassistentin

 

 

 

CARITAS Schweiz

Herr Shefqet Cakiqi

Acherli 25

6423 Seewen Luzern,

den 19. März 1998

Sehr geehrter Herr Cakiqi

Für Ihren Brief vom 2. März, in dem sie sehr ausführlich die Geschichte des Kosova beschreiben, danke ich Ihnen. Ich habe Ihren Bericht mit Interesse gelesen und kann Ihnen versichern, daß wir selber die Entwicklung im Kosova mit großer Besorgnis verfolgen. Wie Sie wissen, hat die Schweizerische Flüchtlingshilfe im Namen der Flüchtlingshilfswerke wiederholt auch zur Frage der Rückschaffung von Kosova-Albanern Stellung genommen und beim Bundesamt für Flüchtlinge interveniert. Ich hoffe sehr, daß für die Region des Kosova trotz aller Anzeichen einer weiteren Eskalation eine Lösung gefunden werden kann, die den berechtigten Anliegen Ihres Volkes gerecht wird.

Mit besten Wünschen grüsse ich Sie freundlich.

Caritas Schweiz

Jürg Krummenacher

Direktor

 

KAPITEL - IV -

DIE ERINNERUNG AN EINE BEKANNTE ALBANERIN DES 20 JH.

MUTTER THERESA WAR UND IST DAS SYMBOL DES ALBANISCHEN VOLKES UND DER ALBANISCHEN KIRCHE

Mutter Theresa (Agneze-Gonxhe Bojaxhi) wurde am 27. August 1910 in Shkup (Skopje) in einer mittelständischen Händlerfamilie geboren. Ihre Eltern, Nikollë und Drane Bojaxhi, kamen aus Prizren, einer alten Stadt in Kosova, und siedelten sich am Anfang dieses Jahrhunderts in Shkup (Skopje) an. In Shkup (Skopje) absolvierte sie die Grundschule, und da sie von Kindheit an gläubig war, meldete sie sich 18jährig als Freiwillige für eine Wohltätigkeitsmission in Bengalen. Einige Zeit verbrachte sie in Irland und ging dann nach Kalkutta in Indien. 1920 war sie Geographielehrerin an der Schule "Heilige Maria" in Kalkutta. Später wurde sie zu deren Direktorin ernannt. 1931 nahm sie zu Ehren der Heiligen von Avila, einer spanischen Heiligen des 16. Jahrhunderts, den Namen Theresa an. 1946 beschloss sie, sich den Verlassenen und Kranken in den Strassen Kalkuttas zu widmen, und gründete die Mission der Barmherzigkeit. Obwohl Mutter Theresa in aller Wellt wirkte und sich ihrer heiligen Aufgabe widmete, vergass sie nie ihr eigenes Volk. Kosova gehörte zu den ersten Ländern, die sie besuchte, nachdem sie 1979 mit dem Nobelpreis geehrt worden war. Damals besuchte sie Binça, Prishtina, Pejë und Ferizaj. Mehrmals besuchte sie Albanien nach dessen Demokratisierung ; dort befinden sich die Gräber ihrer Mutter und ihrer Schwester. Die Gebeine ihres Vaters ruhen in Shkup (Skopje). Als Nikollë, der Vater von Gonxhe Bojaxhiu, Abgeordneter von Shkup (Skopje) war, vergifteten ihn die damaligen serbischen Behörden in Belgrad im Herbst des Jahres 1918 nach einer wichtigen Sitzung, auf der über die albanische Frage gesprochen wurde. In den letzten Jahren ist Mutter Theresa viele Male in Albanien und Kosova gewesen. Beim letzten Mal nahm sie am 25. April 1995 zusammen mit Papst Johannes Paul an der Einweihungszeremonie der Grossen Kathedrale von Shkodra teil. Mit ihren 557 Häusern in 126 Ländern der Welt helfen ihre Missionen Hunderttausenden von notleidenden und hungernden Kindern und Alten, Kranken, Behinderten und Obdachlosen. Mutter Teresa hat in Albanien acht Häuser der Barmherzigkeit. In Kosova gibt zwei solche Häuser. Die bekannteste albanische humanitäre Gesellschaft trägt ihren Namen. Die humanitäre Hilfsorganisation "Mutter Theresa" wurde 1990 in Kosova gegründet und hat seither ihre Tätigkeit auf viele Gebiete der Hilfe für die Armen ausgedehnt.

Anhang

Verfassung Kosovas von 1974

"1. Die Sozialistische Autonome Provinz Kosova ist im gemeinsamen Kampfe der Völker und Nationalitäten Jugoslawiens im Volksbefreiungskrieg und in der sozialistischen Revolution entstanden und vereinte sich, aufgrund des frei geäusserten Willens der Bevölkerung- der Völker und der Nationalitäten der Provinzen und des föderativen Serbiens - mit der Sozialistischen Republik Serbien im Rahmen der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien.

2. Die Autonomen Provinzen sind sozialistische demokratische gesellschaftspolitische Gemeinschaften mit besonderer nationaler Zusammensetzung und sonstigen Eigenheiten, in denen die Werktätigen die gesellschaftliche Selbstverwaltung verwirklichen, die gesellschaftlichen Beziehungen aufgrund der Gesetze der Provinzen und anderer Vorschriften regeln, die Verfassungsmässigkeit und Gesetzlichkeit gewährleisten, der Entwicklung der Wirtschaft und der Gesellschaftsdienste die Richtung geben, die Macht- und Verwaltungsorgane organisieren, die Gleichberechtigung der Völker und Nationalitäten sichern, für die Vorbereitung und Organisation der Verteidigung des Landes und den Schutz der durch die Verfassung festgelegten Staatsordnung sorgen und sonstigen Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse für das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben und die Entwicklung der Provinz erledigen- ausser der Angelegenheiten, die für die Republik als Gesamtheit von Interesse sind und durch die Verfassung der Republik bestimmt werden. (....)

3. Das Territorium der autonomen Provinzen kann ohne Zustimmung der Versammlung der Autonomen Provinzen nicht geändert werden.

4. Die Autonome Provinz hat einen obersten Gerichtshof und andere Gerichtsorgane.(......)". Im Artikel 2 der jugoslawischen Verfassung von 1974 heisst es: "Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien bilden: die Sozialistische Republik Bosnien-Herzegovina, die Sozialistische Republik Kroatien, die Sozialistische Republik Mazedonien, die Sozialistische Republik Montenegro, die Sozialistische Republik Serbien wie auch die Sozialistischen Autonomen Provinzen Kosova und Vojvodina im Verband der Sozialistischen Republik Serbien, und die Sozialistische Republik Slowenien."

Im Artikel 1 wird festgelegt, dass das Land eine Gemeinschaft von "gleichberechtigten Nationen und Nationalitäten" ist. (In der serbokroatischen Sprache heisst es: Gemeinschaft von "narodi" und "narodnosti", was deutsch entweder "Gemeinschaft von Nationen und Nationalitäten" oder "Gemeinschaft von Völkern und Völkerschaften" bedeutet. In Jugoslawien gelten als Nationen (die im übrigen alle ihre eigene Republik haben): die Slowenen, die Kroaten, die Serben, die Montenegriner, die Mazedonier und die Muslime. In ex-Jugoslawien leben jedoch noch weitere Volksgruppen, die teilweise fast zahlreicher sind als manche "staatstragenden Nationen". In ex-Jugoslawien kommen die Albaner mit 3 Millionen Menschen hinter den Serben (8'136'578) und Kroaten (4'428'135).

Artikel 114 des jugoslawischen Bundesstrafgesetzbuches "Kontrarevolutionäre Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung " hat folgenden Wortlaut :"Wer eine Tat begeht, in der Absicht, die Herrschaft der Arbeiterklasse und des arbeitenden Volkes zu beschränken oder umzustürzen; das sozioökonomische System, das soziopolitische System oder das durch die Verfassung festgelegte Selbstverwaltungssystem zu unterwandern; die Körperschaften der Selbstverwaltung und der Regierung, ihre ausführenden Organe oder Vertreter der höchsten Regierungsgremien verfassungswidrig umzustürzen; die wirtschaftliche Grundlage des Landes zu unterwandern; die Brüderlichkeit und die Einheit zu zerbrechen oder die Gleichheit der Nationen und Nationalitäten in Jugoslawien zu zerstören oder die föderative Staatsform verfassungswidrig abzuändern, wird mit mindestens einem Jahr Gefängnis bestraft."

Kurze Biographie des Autors

Shefqet Cakiqi, geboren in Llapashticë am 02.01.1964 in der Gemeinde Podujevë in Kosova. Die Primarschule (8 Jahre ) hat er in Llapashticë besucht, das Gymnasium (4 Jahre) in Podujeva absolviert. Sein Fach ist Kulturgeschichte und Journalismus. 1982 immatrikulierte er sich an der Universität von Prishtina für Geschichte und Journalismus. Wegen Teilnahme an Demonstrationen und Protesten 1981 in Podujeva und wegen einiger Werbeartikel für die Republik Kosova wurde er am 26. 10. 1982 von der serbischen Geheimpolizei und dem Gericht in Prishtina zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Während seines Aufenthalts im Gefängnis wurde er von der serbischen Geheimpolizei stark gefoltert: er wurde mit Gummiknüppeln geschlagen und mit Elektroschocks misshandelt. Die serbische Geheimpolizei drohte ihm wiederholt mit dem Tod. Seine Strafe musste er bis zum 26. 10. 1986 in den Untersuchungshaftlokalen von Prishtina, Gjilan und Zrenjanin absitzen. In diesen Haftlokalen herrschen sehr schwierige Lebensbedingungen hinsichtlich Essen, Bewegungsfreiheit und Tageslicht. Nach seiner Entlassung wurde ihm die Wiederaufnahme seines Studiums verboten. Von der serbischen Geheimpolizei wurde er weiterhin bespitzelt. Man holte ihn zu Befragungen, und einige Male durchsuchte man auch seine Wohnung. Stets war er den Drohungen der Geheimpolizei ausgesetzt. 1991 wurden einige seiner Freunde und Mitarbeiter verhaftet. Er floh über Slowenien in die Schweiz und ersuchte um politisches Asyl. 1995 wurde er als Flüchtling anerkannt und lebt seither in Seewen (SZ). Er schreibt Artikel für einige albanische Zeitungen wie "Republika" Lublanë, "Informatori" Bern, "Rilindja" Zürich, "Drita" Trelleborg Schweden, "Fokusi" Zürich, "Epoka e re" Prishtinë. Er ist auch Mitglied des Vereins der Journalisten von Kosova.

NACHWORT

Das Buch, das Sie gerade gelesen haben, ist eine dokumentarische und historische Fülle von Informationen über das Problem des Kosova. Einige wichtige Informationen habe ich an verschiedenen Botschaften in Bern, an politische und staatliche Behörden der Schweiz und vor allem an humanitären Hilfsorganisationen geschickt. Ich habe dies mit der Absicht gemacht, Europa für die Problematik des Kosova zu sensibilisieren. Denn in Kosova werden nicht nur die Menschenrechte missachtet, sondern auch die politischen Rechte. Hätten die Weltmächte damals in Dayton das kosovarische mit dem bosnischen Problem zusammen gelöst, wäre die jetzige Trägodie verhindert worden. Ich habe in diesem Buch die letzten drei, vier Jahre bis zum Kriegsbeginn im März 1998 verarbeitet. Das Schreiben und die Veröffentlichung dieses Buches ermöglichen mir endlich wieder frei zu atmen, die Ketten um mein Herz sind gesprengt. Meine schmerzlichen Erinnerungen sind nicht mehr nur meine, sondern auch die meiner Freunde, meines Volkes, eines jeden Volkes. Ich hoffe, dass durch die Veröffentlichung dieses Buches ein grösseres Verständnis und eine grössere Verbundenheit entsteht, um eine solche Tragödie wie in Kosovo zu verhindern. In der Zwischenzeit hat sich die Lage in Kosova so schlecht entwickelt, dass dieses Buch wie eine Einleitung zu den vielen Büchern erscheint, die man jetzt schon wieder schreiben könnte. Wie konnte siche eine solche Tragödie in nur einem halben Jahrhundert wiederholen? Europa wollte niemals eine Wiederholung der Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges. Welche Perspektive gibt es für mich und meine Familie, für über 1 Million deportierter Menschen, für die vergewaltigten Frauen, für die auseinandergerissenen Familien, für das heimatlose Volk? Was wir brauchen und wünschen, ist die politische Solidarität und die wirtschaftliche Unterstützung Europas und der restlichen Welt. Wir möchten als das Volk, als Landsleute Mutter Theresas, in Freiheit und Unabhängigkeit weiterbestehen und mit unserer Kultur einen Beitrag leisten zum Aufbau einer friedlicheren, gerechteren Welt. Zum Schluss möchte ich aufs herzlichste meinen schweizerischen Freunden Carmine Andreotti, Markus und Susanne Zbären und Lisa Ryser danken. Sie haben es ermöglicht, dass ich mich in einer mir fremden Sprache ausdrücken konnte. Grosser Dank gebührt auch ACAT Schweiz (Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter) und ACAT Deutschland, die die Herausgabe dieses Buches ermöglicht haben.

Shefqet Cakiqi

Mai 1999

 

KOSOVA ES IST LIEBE

Du schöne Nachtigall lehre mein Lied Schicke dieses Lied ins Land wo meine Sehnsucht wohnt Schicke diese Dichtung dorthin wo ich meine erste Liebe sah Sag daß meine Sehnsucht niemals sterben wird Sag Kosova daß es Liebe ist Sag daß ihre Sprache wie eine milde Brise klingt Sag daß ihre Vögel süßer singen Sag daß ihre Blumen voller blühen Sag daß ihre Sonne heller scheint Du milde Brise Schicke mein Lied in den Himmel den ich als erstes sah Du schöne Nachtigall schicke mein Lied an den Ort wo ich zum ersten Mal weinte Sammle meine Tränen und verschmelze sie mit der Trauer meines Exils Verflucht seien alle die mich mein Heimatland verlassen ließen Shefqet Cakiqi

(Karte Balkanländer 1812-1915)